Der "innere Goethe"

(c) Uwe A. Kirsten

„Wörter, die ich gern verbieten würde“ – so haben Sie Ihren Vortrag beim Autorensalon auf der Frankfurter Buchmesse überschrieben. Warum wollen Sie Wörter verbieten, Herr von Ernst?
Es geht mir um die vielen Worte, die ich als Lektor streichen muss. Ich habe spontan das Wort vom inneren Goethe geprägt, der die meisten Autoren und Autorinnen überfällt. Egal um welches Genre es geht, immer wieder begegnen mir Wörter wie „dennoch“ statt „trotzdem“, „für gewöhnlich“ statt „normalerweise“, „obzwar“ statt „obwohl“. Das ist so eine Art Totendeutsch, ein Deutsch, von dem wir denken: So klingt Literatur. Und dann sitze ich als Lektor da und versuche den eigentlichen Ton, der vom Autor oder der Autorin gewünscht ist, heraus zu arbeiten. Am häufigsten streiche ich das Wort „doch“. Ich habe schon Zehntausende „doch“ in „aber“ verwandelt. Viele denken, es sei eleganter „doch“ zu schreiben. In Wirklichkeit ist das aber eine sehr spitze, unelegante Sprache.

Nicht zu hochgestochen, keine Füllwörter, nicht zu viele Nominalisierungen – schnell häufen sich die Verbote im Kopf des Autors. Das kann beim Schreiben auch blockieren, oder?
Keine Füllwörter sagen Sie? – Da würde ich widersprechen. Die deutsche Sprache lebt von Füllwörtern, anders als etwa die romanischen Sprachen, die weitgehend ohne Füllwörter auskommen. Die deutsche Sprache belebt mit Füllwörtern den Ton oder gibt Untertöne vor. Auch die Wörter, die ich genannt habe, sollen ja nicht abgeschafft werden. Sie haben an bestimmten Stellen auch ihre Schönheit und Berechtigung. Diese Gesetze, was richtig und falsch ist, sollte man erst einmal vergessen und sich beim Schreiben nicht blockieren lassen. Aber dann kommt ja die Überarbeitungsphase. Da sollte man schon auf unpassende Wörter achten und versuchen, sich selbst auf die Spur zu kommen.  

Im Lilienfeld Verlag erscheint vor allem Literatur des 20. Jahrhunderts, also Bücher die schon einmal verlegt wurden oder Übersetzungen aus anderen Sprachen. Spielt das Aufspüren unpassender Wörter da überhaupt eine Rolle?
Oft gibt es in einer Zeit einen bestimmten Klischee-Ton, auch in vergangenen Zeiten. Und die besten Bücher sind die, die sich über ihre eigene Zeit hinweggesetzt haben – über Klischees und Bequemlichkeiten beim Formulieren – und die einen Ton entwickelt haben, der überzeitlich ist. Bei den Wörtern, die ich eben genannt habe, zieht man sich zurück auf eine Sprache, die vorgibt, Literatur zu sein. Das ist nicht echt. Das Echte ist eine eigene Stimme, ein Ton, der für das Buch stimmt, für den Helden oder die Heldin. Wenn das alles zusammenstimmt im ganzen Werk, dann ist man nahe am Meisterlichen.

Man könnte ja denken, solche meisterlichen Texte sind längst entdeckt und verlegt. Warum haben die es oft schwer auf dem Buchmarkt?
Das liegt eben am Markt. Der achtet nicht zuerst auf das Meisterliche. Dem Markt geht es um die gute Geschichte, den schnellen Verkauf. Unter den Erfolgsbüchern einer Zeit sind manchmal auch große Meisterwerke, die dann zu Klassikern werden. Aber es gibt immer die vielen Autorinnen und Autoren, die auch sehr gut schreiben, aber eben nie durchgekommen sind. Wir verlegen oft Autoren aus anderen Ländern, die dort zur Literaturgeschichte bindend dazugehören, teilweise Schullektüre sind.

Wie kommen sie an diese Texte, die lange nicht beachtet wurden, aber meisterhaft sind?
Das ist ungefähr so, wie nach der Nadel im Heuhaufen zu suchen. Manche Vorschläge kommen von Übersetzerinnen und Übersetzern, weil die sich in der jeweiligen Nationalliteratur sehr gut auskennen. Oder ich stoße auf einen Autor, der mir noch nicht so zusagt, aber in dessen Umkreis gibt es andere interessante Autoren. Oder man entdeckt in einem alten Buch Verlagswerbung für andere Bücher – und darunter ist dann das Meisterwerk.

Welche Rolle spielen die kleineren, unabhängigen Verlage, wenn es darum geht, solche Schätze zu heben?
Eine sehr große Rolle, denn sie halten die Tradition im Hintergrund aufrecht. Autorinnen und Autoren, die nur von 1.000 oder vielleicht sogar nur von 500 Menschen wahrgenommen werden, bleiben so trotzdem erhalten. Das ist schon wichtig.
Zum Beispiel die Lyrikszene: Die wird in kleineren Verlagen gepflegt, die es wagen, mit kleineren Auflagen zu arbeiten. Die es auch eher wagen können. Denn größere Verlage haben ja auch höhere Kosten, zum Beispiel für Mieten und Mitarbeiter. Die können gar nicht so wendig agieren wie kleinere Verlage.

Wie zufrieden sind Sie als Verleger eines kleinen Verlags?
Das Schlimmste am Verlegerdasein ist die unendlich viele Arbeit. Der Verlag lebt gut und wir machen auch kleinere Gewinne. Aber ich arbeite noch nebenher, zum Beispiel als Lektor oder als Dozent an der Universität. Das ist auch notwendig, um sich die Kinokarte leisten zu können – wenn ich dann mal Zeit habe, hinzugehen. (lacht)
Das Schönste ist, dass ich so tolle Menschen treffe. Wenn ich Glück habe, lerne ich noch sehr alte Autoren kennen, oder es gibt deren Nachfahren oder die Spezialistinnen und Spezialisten für sie und die Übersetzerinnen und Übersetzer, die Kolleginnen und Kollegen in anderen Verlagen. Das sind alles so kluge und interessante Menschen, insofern ist die Verlagswelt einfach eine schöne Welt. Und sie wäre das Paradies, wenn dort auch noch Geld fließen würde.


Axel von Ernst ist Autor, Lektor und Verleger des Lilienfeld Verlags und lebt in Düsseldorf. Seine Theatertexte wurden vielfach aufgeführt, er konzeptioniert Abende für die lit.Cologne, ist publizistisch und als Dozent an der Uni tätig. Der Lilienfeld Verlag, dessen Mitverleger er ist, erhielt unter anderem 2011 den Förderpreis der Kurt-Wolff-Stiftung.

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