„Verlage erwarten heute fertige Konzepte“

(c) Von wegen Kommunikation

Die Literaturagentin Petra Hermanns über Spürnasen, Stoffentwicklung und warum eine strategische Karriereplanung für Autoren wichtig ist.

Frau Hermanns, vor fast 20 Jahren haben Sie die Agentur scripts for sale gegründet. Nun hat sich der Geschäftsbereich „Buch“ abgespalten und Sie firmieren als eigene Literaturagentur. – Warum sind Sie diesen Schritt gegangen?
Eigentlich ist das nur die Umsetzung dessen, was schon seit Langem Praxis war. Ich hatte mich schon vor mehreren Jahren aus dem Filmgeschäft von scripts for sale zurückgezogen und konzentriere mich seitdem auf den Bereich Literatur. Dem habe ich durch die neue Firmenorganisation noch einmal Ausdruck verliehen. Für mich ist das ein eindeutiges Bekenntnis, dass ich Literaturagentin bin und nichts anderes. Mit meiner Kollegin Christiane Düring arbeite ich nun in einer Kooperationsgemeinschaft zusammen. Und auch Elke Brand von scripts for sale bleibe ich ja verbunden; sie vertritt unsere Filmrechte als Subagentur.

Wenn Sie sich Ihre Arbeit so anschauen: Haben sich die Anforderungen an Literaturagenten in den vergangenen Jahren verändert?
Ja, vor allem die Anforderungen an die Stoffentwicklung sind gestiegen. Heute erwarten Verlage fertige Konzepte und komplett angebotsreife Manuskripte. Vor allem bei neuen Autoren, aber auch beim zweiten oder dritten Buch ist es oft notwendig, die dramaturgische Entwicklung der Stoffe zu begleiten. Das ist sehr aufwändig – und macht mir sehr viel Spaß.

Der Literaturmarkt verändert sich heute sehr schnell. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?    
Als Agentin muss ich den Aufbau einer Autorenkarriere noch viel mehr führen und begleiten, als das früher notwendig war. Vor allem im Taschenbuch bricht die Midlist immer mehr weg. Für das Mittelfeld ist es schwerer geworden, nicht nach unten zu rutschen. Und bei diesen Herausforderungen des Marktes begleite ich meine Autoren. Ich verstehe meinen Beruf als ein Full Service Management. Man macht alles um die Autoren herum, außer Presseaktivtäten und Veranstaltungen. Aber selbst da ist man ja in die Planung und die Strategie involviert.

Ist es für Autoren also wichtig, ihre Karriere strategisch zu planen?
Ja, das wird immer wichtiger. Wer regelmäßig schreiben und veröffentlichen und davon vielleicht auch mal ein Einkommen generieren will, muss versuchen, sich von Anfang an schlau aufzustellen. Er muss wissen: Wenn ich jetzt einen Liebesroman schreibe und der läuft einigermaßen, dann muss der zweite und der dritte möglichst auch ein Liebesroman sein. Sonst brauche ich ein Pseudonym, weil ich dann mein Label verlasse.

Sie haben ja bereits viele große Namen in Ihrem Portfolio. – Da könnte ein Debütant schon in Ehrfurcht erstarren. Dürfen sich auch Autoren an Sie wenden, die noch nichts veröffentlicht haben?
Ja, unbedingt, ich freue mich über Debütanten. Es gibt ja fast nichts Schöneres, als jemandem zum ersten Marktauftritt zu verhelfen. Das Gefühl kriegt man nur einmal, beim ersten Buch. – Aber die Hürde, mich zu überzeugen, ist ziemlich hoch.  
 
Was müssen Autoren denn mitbringen, um bei Ihnen angenommen zu werden?
Ich bin streng in Bezug auf die Qualität. Derzeit betreue ich 40 Autoren, und um meinen Ansprüchen an meine Arbeit gerecht zu werden, muss ich mir schon genau überlegen, wen ich annehme. Insofern muss ein Autor Qualität mitbringen, eine eigene Tonalität, eine Geschichte, die neu ist, überraschend. Und dann müsste es um Erfolg zu haben, ein Genre sein, das zur Zeit auch auf dem Markt gesucht ist. Der historische Roman hat es im Moment zum Beispiel ganz schwer. Da müssen Sie doppelt so gut sein wie früher, damit die Lektoren es überhaupt prüfen.

Was würden Sie Autoren raten, die von Ihnen eine Absage erhalten haben?
Ich hoffe, dass sie sich dann bei allen anderen Kollegen bewerben, die für das Genre in Frage kommen. Ich rate jedem Autor, sich sowieso bei mehreren Agenturen gleichzeitig zu bewerben. Der eine kann absagen, der andere nimmt es. – Es ist freundlich, wenn man das dem Agenten auch mitteilt. Aber vor allem ist es für mich wichtig zu wissen, ob der Autor sein Manuskript schon bei Verlagen angeboten hat. Denn wenn jemand schon bei zehn Verlagen eine Absage bekommen hat, werde ich in der Regel auch keinen Erfolg haben. – Ich schaue mir die Bewerbung dann aber trotzdem an.

Wenn Sie ein Exposee bekommen: Wie schnell merken Sie, ob die Geschichte Potential hat?  
Ein Exposee lese ich immer ganz. Aber ich ahne oft sehr schnell, ob die Geschichte funktioniert. Wichtig ist vor allem: Was sind das für Figuren? Was ist das Thema? – Diese scheinbar simple Frage stellt viele Debütanten vor große Herausforderungen. Wenn es zum Beispiel keine Konflikte gibt, funktioniert es nicht. Denn jeder Unterhaltungsroman braucht Konflikte. – Oder ich sehe schon am Exposee: Das ist ein tolles Motiv, ein tolles Setting. Als Agentin kriegt man schnell das Trüffelnäschen und das springt entweder an oder nicht.

Wenn Sie das Exposee und die Textprobe interessant finden, wie geht es dann weiter?
Dann rufe ich meistens den Autor oder die Autorin an oder schicke eine erste E-Mail, bestelle mir den Rest des Manuskripts und lese das Ganze. Und wenn das meine Erwartungen erfüllt, dann spätestens rufe ich an, dann lernt man sich kennen.

Wie viel Arbeit stecken Sie in einen Text, bevor sie ihn einem Verlag anbieten?
Das ist ganz unterschiedlich. In die Dramaturgie stecke ich – wenn nötig – viel Input hinein. Aber das setzt voraus, dass ich vorher etwas gelesen habe, das mich begeistert. Wenn ich sehe: Da kann jemand schreiben, aber die Geschichte ist noch nicht so optimal angelegt, sie könnte aber, wenn man etwas verändert, super funktionieren. Dann arbeite ich mit dem Autor daran. Ich redigiere manchmal, aber sehr selten die Texte vor. Da muss ich wirklich brennen für ein Projekt.

Wenn Sie für das erste Buch einen Verlag gefunden haben, können sich Ihre Autoren dann weiter mit Fragen an Sie wenden?
Bei den meisten Autoren bin ich auch bei den Folgebüchern von Anfang an involviert. Auch Bestsellerautoren brauchen Unterstützung. Da werden zum Beispiel strategische Fragen wichtig: Wie gehe ich mit dem Beruf Autor um? Wann gehe ich auf Lesereise, und wann habe ich Zeit zum Schreiben? – Es ist wirklich eine Rundumbetreuung, und das liebe ich. Ich könnte nicht nur Verträge machen. Da fehlt mir ja die Hälfte der Arbeit, die mir Spaß macht. Und ich lasse mich auch gerne ganz auf die jeweiligen Autorenpersönlichkeiten ein. Es sind letztlich die Menschen und ihre Geschichten, für die ich brenne.


Petra Hermanns (49) ist gelernte Verlagskauffrau und studierte Germanistik, Buchwissenschaft und Publizistik an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. Nach dem Studium war sie in verschiedenen Unternehmen tätig, bevor sie 1998 die Agentur scripts for sale gründete. Von 1999 bis November 2016 führte sie das Unternehmen gemeinsam mit Elke Brand. Heute ist sie alleinige Geschäftsführerin der Literaturagentur Petra Hermanns GmbH – mit den Schwerpunkten Belletristik und Sachbuch. Hier kooperiert sie im Agenturverbund „diebuchagenten“ mit der Literaturagentur Christiane Düring, die auf Kinder- und Jugendbuch spezialisiert ist.

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