»Da gibt es Spuren, die ich auflesen kann.«

Die Schriftstellerinnen Lene Albrecht und Laura Lichtblau haben nicht nur die Literaturagentur gemeinsam, sondern auch ein Thema: Beide haben über verschüttete Familiengeschichten geschrieben. Wie es dazu kam und was persönliche Schicksale über die Weltgeschichte erzählen, darüber sprechen sie hier.

In Lauras Buch »Sund« geht es um die Rolle des Urgroßvaters im Nationalsozialismus, in Lenes Roman »Weiße Flecken« um die Verflechtungen der eigenen Familie mit der Kolonialgeschichte. Wie seid ihr auf diese Themen gestoßen?
Lene Albrecht:
Ich habe mich auf einer Reise nach Togo zum ersten Mal wirklich mit der deutschen Kolonialgeschichte befasst und viel darüber gelernt. Seitdem hatte ich die Idee, darüber zu schreiben. Es fehlte aber die Verbindung zu mir selbst, die Antwort auf die Frage, was das konkret mit mir zu tun hat. Die Geschichte meiner Urgroßmutter war dann wie ein persönlicher Schlüssel dazu. In der Familie wurde erzählt, dass sie nicht »weiß« war und ihre Papiere während des Nationalsozialismus vernichtet hat, um sich und ihre Kinder zu schützen. Dass es da einen Zusammenhang mit der Kolonialgeschichte geben könnte, habe ich erst begriffen, nachdem ich in Togo war.

»Wenn man sich beim Schreiben Zeit nimmt, hat man andere Antennen und stößt auf alle möglichen Dinge, die sich manchmal zusammenfügen.«
Laura Lichtblau

Laura Lichtblau: Ich habe erst spät verstanden, dass ich aus einer Täterfamilie komme. Als meine Großtante eine selbstgeschriebene Biografie über meinen Urgroßvater in der Familie verteilte, war mein Interesse geweckt. In einem Kapitel hat sie genau darlegt, warum dieser Urgroßvater kein Nazi war. Die Argumentation fand ich etwas dünn und habe gegoogelt. Bei Wikipedia habe ich einen Eintrag gefunden: Mein Urgroßvater gehörte zum Beirat von Hitlers Leibarzt Karl Brandt. Er war ein einflussreicher Mediziner, der sich dafür eingesetzt hat, dass Menschen mit körperlichen Missbildungen, wie es damals hieß, zwangssterilisiert werden. Ich habe weiterrecherchiert, zunächst nur für mich und meine Familie.

Und wie hängt das mit deinem Roman zusammen, der am Sund zwischen Dänemark und Schweden spielt?
Laura Lichtblau
: Auf einer Urlaubsreise habe ich herausgefunden, dass es auf einer Insel im Sund eine Anstalt der Nazis gab. Dort wurden Menschen zwangssterilisiert. So hat sich diese Landschaft, von der mein Roman ausgeht, mit meiner Familiengeschichte verbunden. Ich glaube, das passiert, wenn man sich beim Schreiben Zeit nimmt, die Intuition mitarbeiten lässt. Man hat dann andere Antennen und stößt auf alle möglichen Dinge, die sich manchmal zusammenfügen.

»Man kann in der Geschichte auf jeden Fall lesen.«
Lene Albrecht

Gab es einen Punkt, wo ihr wusstet: Diese Familiengeschichte ist der Stoff für meinen nächsten Roman?
Lene Albrecht
: Bei der Recherche habe ich eine Passagierliste gefunden, auf der mein Ururgroßvater vermerkt ist, also der Vater meiner Urgroßmutter. Da wusste sich: Es gibt Spuren, die ich auflesen kann – wenn ich jetzt auch noch nicht weiß, wie die sich zusammensetzen und was sie genau bedeuten. Man kann in der Geschichte auf jeden Fall lesen. Das war für mich so ein euphorischer Moment wo ich dachte, ich probiere das.

Laura Lichtblau: Bei mir waren diese euphorischen Momente sehr ambivalent. Man geht ins Archiv um etwas herauszufinden, aber in meinem Fall war das ja alles schrecklich. Ich wollte es wissen und gleichzeitig konnte ich mich natürlich nicht darüber freuen, was mein Urgroßvater getan hat. Einerseits ist man Profi, wenn man über seine eigene Familie schreibt, und andererseits ist man befangen, weil Narrative in Familien sehr stark sind, zum Beispiel diese Anekdoten, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Die meisten sind sehr charmant, die wenigsten stimmen exakt.

»Bei der Recherche habe ich mich zur Objektivität gezwungen, was nicht immer leicht war.«
Laura Lichtblau

Wie seid ihr bei der Recherche mit solchen Familiengeschichten umgegangen?
Laura Lichtblau:
Bei der Recherche habe ich mich zur Objektivität gezwungen, was nicht immer leicht war. Ich habe versucht, streng zu sein, mich nur auf knallharte Fakten zu verlassen. Gleichzeitig muss man manchmal dem eigenen Gefühl folgen. Denn die Fülle des Materials in Archiven ist so gigantisch, dass man nicht alles auswerten kann. Man muss entscheiden: Gehe ich da oder da lang. Das macht es so spannend, aber manchmal auch emotional belastend.

Lene Albrecht: Mir hat die kulturwissenschaftliche Perspektive geholfen: Als Kulturwissenschaftlerin gehe ich davon aus, dass Geschichte, wie wir sie uns erzählen, konstruiert und geformt ist. Bei der Recherche habe ich mich vor allem für das interessiert, was nicht erzählt wird, habe zusätzliches Material herangezogen, zum Beispiel Fotos. So habe ich meine Version der Geschichte aus verschiedenen Quellen zusammengesetzt. Diesen Prozess des Zusammensetzens mache ich in meinem Buch sichtbar, er ist Teil der Erzählung.

Familiengeschichten lassen sich auf sehr unterschiedliche Art erzählen, wie eure Romane zeigen. Wie können Schreibende an die eigene Geschichte herangehen?
Lene Albrecht:
Eine klassische Dramaturgie ist eine Möglichkeit: Man kann zum Beispiel mit einem ungelösten Rätsel beginnen, dass nach und nach entschlüsselt wird. Oder man fängt andersherum an: Zuerst erzählt man die Geschichte, wie sie in der Familie überliefert ist, dann macht man nach und nach deutlich, dass es vielleicht völlig anders war.

»Es geht darum, diese Personen in ihrer Zeit zu lesen, zu überlegen: Was hat das für die bedeutet?«
Lene Albrecht

Wie spektakulär muss eine Familiengeschichte sein, damit sie sich als Stoff für einen Roman eignet?
Lene Albrecht
: Ich würde zuerst auf interessante Menschen in der eigenen Familiengeschichte schauen. Diejenigen, über die immer noch gesprochen wird, wo es dieses starke Echo gibt. Die persönlichen Schicksale sind immer durchdrungen von Zeitgeschichte – ob es um den Nationalsozialismus geht, die DDR-Geschichte oder um die westdeutsche Hausfrau der 1970er und -80er Jahre, wie in Daniela Dröschers Roman „Lügen über meine Mutter“. Es geht darum, diese Personen in ihrer Zeit zu lesen, zu überlegen: Was hat das für die bedeutet? Warum gibt es von meiner Urgroßmutter zum Beispiel keine Geburtsurkunde? Vielleicht weil es so etwas damals nicht geben durfte. Und genau da beginnt die Geschichte.

Laura Lichtblau: Da stimme ich dir zu. Familiengeschichte ist gleichzeitig immer die Geschichte eines Landes oder eines Systems. Wenn mich etwas interessiert und ich denke: Das trägt mich durch ein Schreibprojekt, dann sollte ich es erzählen.


12.09.2025


Lene Albrecht

Lene Albrecht, geb. in Berlin, ist Autorin von Romanen und Essays. Zuletzt entstand das Hörspiel »Kamina« für den Deutschlandfunk Kultur, in dem sie sich mit den Rückständen deutscher Kolonialgeschichte in Togo auseinandersetzt und thematisch an ihren Roman »Weiße Flecken« (2024, S. Fischer Verlag) anknüpft, wo sie ihre Familiengeschichte vor dem …

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Laura Lichtblau

Laura Lichtblau, 1985 in München geboren, studierte in München, Hildesheim und in Leipzig am Deutschen Literaturinstitut und lebt in Berlin. Ihre Lyrik, Porträts und Essays wurden in verschiedenen Magazinen und Anthologien veröffentlicht, zuletzt erschien ein Essay über mangelnde Aufarbeitung der NS-Medizin in der ZEIT. 2020 wurde ihr Debütroman …

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