Können Sie Eingriffe in den Text immer sachlich begründen, oder geht das manchmal auch „nach Gefühl"?
Klar ist es am einfachsten, wenn man sagen kann: Das ist ein faktischer oder logischer Fehler oder dieses Wort wird anders geschrieben. Oder: Diese Redewendung ist falsch, das Kind ist eben nicht »ins Wasser gefallen«, sondern »in den Brunnen gefallen«. Schwieriger wird es, wenn es um den Ausdruck geht. Natürlich ist mein Leseeindruck ein persönlicher, aber es ist deshalb umso wichtiger, Eingriffe zu begründen. Ich versuche immer, aus dem Text heraus zu argumentieren, beispielsweise, wenn ich mich an etwas stoße, wenn mir bei einer Metapher kein Bild vor Augen steht oder wenn ein sprachlicher Fremdkörper auftaucht, etwa ein Begriff aus einem völlig anderen Sprachregister oder ein englisches Wort in einem Text, der sonst nicht mit Anglizismen arbeitet. Wenn sich bei mir eine Irritation einstellt, möchte ich mich mit dem Autor darüber austauschen, ob er sie bewusst geschaffen hat, ob sie eine Funktion im Text hat, oder ob es einfach passiert ist und geändert werden sollte.
Sie betreuen auch Autorinnen mit fremdsprachigem Hintergrund, beispielsweise Ann Cotten, die in Iowa geboren wurde, aber in Wien aufwuchs, und deshalb auch in der deutschen Sprache sozialisiert wurde. Was ist hier anders?
Es ist sehr spannend zu beobachten, dass Ann Cotten die deutsche Sprache möglicherweise auch aufgrund ihres fremdsprachigen Hintergrunds nicht gedankenlos verwendet. Autoren nichtdeutscher Muttersprache haben oft einen anderen, einen fremden Blick auf die deutsche Sprache. Ausgehend von dem Sprachwechsel, den sie vollzogen haben oder weiterhin vollziehen, gehen sie oft anders mit dem Sprachmaterial um, das ihnen zur Verfügung steht. Sie betrachten Sprichwörter, Metaphern, Vergleiche oder sprachliche Wendungen, die sich eingebürgert haben, und versuchen erst einmal zu verstehen: Was steckt dahinter? Mit diesem fremden Blick können sie oft den Eigenwert der Sprache stärker machen und die deutsche Sprache bereichern.
Sind Sie da als Lektorin anders gefordert als bei nur deutschsprachigen Autoren?
Für mich ist es immer wieder schön, wenn ich mir diesen fremden Blick auf die eigene Sprache aneignen kann und eine Redewendung, ein zusammengesetztes Wort oder auch grammatikalische Strukturen plötzlich mit anderen Augen sehe. So gelingt es, Neues im Alten zu entdecken. Wenn ein Sprichwort oder eine sprachliche Wendung aus der Muttersprache ins Deutsche transportiert wird, können ganz tolle Bilder entstehen. Das sind oft Bilder, die auf deutschsprachige Leser im ersten Moment fremd wirken, aber Fremdheit ist ja in der Literatur kein Nachteil.
23.10.2016