»Umwege gehören zum Prozess dazu.«

Die Autorin Nina Bußmann hat dieses Jahr ihren vierten Roman bei Suhrkamp veröffentlicht. Im Interview spricht sie über Umwege und den Kern des Erzählens, verrät, wie ihre Figuren entstehen und wie sie mit Sackgassen umgeht.

Nina, Anfang 2025 ist dein neuer Roman erschienen: »Drei Wochen im August«. Wie fängst Du mit einem neuen Buch an?
Mir kommt eine Idee, zu der ich dann Material sammle. Das heißt bei mir auch, dass ich Text produziere. Ich setze mich also jeden Tag hin und schreibe etwas zu diesen Figuren, von denen ich denke: Ihre Beziehungen und Konflikte können mich über die nächsten Jahre begleiten. Mit „Drei Wochen im August“ habe ich im Winter 2020/ 2021 angefangen. Beim Schreiben entferne ich mich dann meistens wieder von den ersten Ideen. Diesmal ist eigentlich nur ein Thema geblieben: diese Mischung aus Arbeit und privater Beziehung, die beide Frauen verbindet, dieses Diffuse. Ich hatte Lust zu erforschen, wie sich so eine Beziehung gestalten lässt, welche Konflikte und Rivalitäten, Sehnsüchte und Abhängigkeiten da eine Rolle spielen.

»Ich glaube das ist der Kern von allem, was ich bisher geschrieben habe.«

Im Roman fährt Elena mit ihren zwei Kindern in das Ferienhaus einer reichen Freundin, die gleichzeitig auch ihre Chefin ist. Statt des vielbeschäftigten Ehemanns kommen das Kindermädchen Eve und eine Freundin der 13-jährigen Tochter mit. Weite Strände, Sonne und Atlantikwellen verheißen einen unbeschwerten Urlaub, aber die Stimmung bleibt angespannt. Man spürt die Verstrickungen der Figuren, ahnt ihre inneren Abgründe. Dieses Beziehungsgeflecht, ist das der Kern der Geschichte?
Ich glaube das ist der Kern von allem, was ich bisher geschrieben habe. Was bindet die Figuren aneinander und lässt sie gleichzeitig nicht zueinanderkommen? Das ist ein Kreisen umeinander, auch eine Obsession. Und was schließlich bleibt, ist die Sehnsucht und die Einsamkeit.

Du erzählst im Wechsel aus Eves und Elenas Perspektive. War das von Anfang an geplant?
Ich bin ziemlich bald dazu gekommen, die Erzählungen der beiden Frauen einander gegenüberzustellen. Wir wissen alle: Jeder erinnert Erlebtes anders, unsere Erzählungen sind gefärbt und niemand hat ganz recht. Mir war es wichtig, um Empathie und Verständnis für beide zu werben. Sowohl Elena als auch Eve haben ihre blinden Flecken, aber auch eine Not, aus der heraus sie auf ihre Weise handeln.

Der Schauplatz des Romans ist die südfranzösische Atlantikküste. Was verbindet dich mit dieser Landschaft?
Ich war als Jugendliche einige Male dort, als ich ungefähr so alt war wie die beiden Mädchen im Roman. In diesem Alter ist man sehr empfänglich für alles Mögliche, mir ging es zumindest so. Die Landschaft ist gewaltig, aber auch karg, sogar monoton: die ewigen Wälder, die Küste und dann der Atlantik. Trotz der Schönheit fühlt man sich in so einer Landschaft auch verloren, als kleiner Mensch. Die Gewalt des Meeres kann ein großer Spaß sein, aber auch eine Gefahr. All das hat mich damals im Körper erfasst und ich habe es nicht vergessen. 

»Ich bewege mich in eine Richtung und erfahren dann, was ich eigentlich sagen wollte.«

Wie entstehen Deine Figuren? Arbeitest Du mit Mindmaps, mit Bildern oder Fragebögen? 
Ich freue mich, wenn ich Bilder finde und hänge sie mir über den Schreibtisch. Das können Personen, aber auch Landschaften sein. Die Biografie einer Figur erschreibe ich mir durch Szenen, weniger durch Fragebögen. Vieles, das ich schreibe, wird nachher nicht so im Roman stehen. Das sind Sätze, die zum Ergebnis führen, aber nicht zum Ergebnis gehören. 

Braucht es beim Schreiben solche Umwege?
Es fällt mir schwer zu sagen, was der Mehrwert von Umwegen ist. Es ist einfach meine Erfahrung, dass es Umwege gibt im Leben und im Schreiben. Manche Autoren machen sich womöglich vorher einen Plan, führen diesen durch und sind darin sehr effizient. Ich habe Achtung davor, wenn Menschen das können. Aber ich kann es nicht und will es auch nicht. Ich weiß Sachen immer erst, wenn ich sie ausprobiere – im Leben und im Schreiben. Ich bewege mich in eine Richtung und erfahre dann, was ich eigentlich sagen wollte.

Viele Autoren empfinden es als verunsichernd und auch frustrierend, viel Text zu produzieren und dann zu merken: Hier geht es nicht weiter. Hast Du einen Tipp, wie man damit umgehen kann?
Mir hilft der Gedanke, dass Umwege zum Prozess dazugehören. Am Anfang ist es immer ein Tasten und Stochern. Das ist die Phase des Sammelns und des Anhäufens. Alles darf da sein und ausprobiert werden. Das hat etwas sehr Befreiendes. Manchmal sind Umwege aber nicht spielerisch, sondern frustrierend, vielleicht in einem späteren Stadium des Schreibens. Dann ist es gut, sich zu erinnern: Es kommen auch wieder andere Phasen.


01.08.2025

Nina Bußmann

Nina Bußmann, geboren 1980 in Frankfurt am Main, studierte Literatur und Philosophie und lebt als freie Schriftstellerin in Berlin. Sie schreibt Romane, Essays und Hörspiele, war Dozentin am Institut für Sprachkunst in Wien und kooperiert mit den Künstlerinnen Gabriela Oberkofler (Zeichnung/Installation) und Akiko Ahrendt (Musik/Performance).
Mehr erfahren

Das könnte dich auch interessieren

Alle ansehen

AGB Datenschutz Impressum und Kontakt
Instagram YouTube Phone