Schreiben Autoren heute anders über Natur?
Die Gründe, aus denen »Nature Writing« heute interessiert, sind komplex. Sie haben sowohl mit dem Zustand unserer Umwelt, also mit aktuellen politischen, sozialen, gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklungen zu tun, als auch mit den Veränderungen unserer Kommunikationsmedien. Ihre Allgegenwart rückt die Frage neu in den Fokus, wie es wäre, nicht über sie zu verfügen. Der britische Journalist Charles Foster beispielsweise hat versucht, für ein paar Wochen als Dachs zu leben und dann darüber geschrieben. Das Beispiel zeigt, welcher Traum „Nature Writing“ häufig beflügelt: Man möchte den Menschen hinter sich lassen. Paradoxerweise funktioniert das aber gerade hier am allerwenigsten: Hinterrücks wird einem sehr deutlich, was es heißt, ein Mensch zu sein, wenn man versucht, in der Erde zu leben und Würmer zu fressen. Tatsächlich geschieht dies so hinterrücks nicht: Zahlreiche Texte, die beim »Nature Writing« entstehen, sind Spielgelungen des Menschen von einer imaginierten Kehrseite.
Um Natur geht es auch in vielen Sachbüchern. Gibt es da Berührungspunkte mit dem »Nature Writing« in literarischen Texten?
Jede Art von wissenschaftlicher oder sachorientierter Auseinandersetzung ist ein hermeneutischer, historisch bedingter Prozess: Man liest Natur. Das ist mit Interpretationen und notgedrungen einem gewissen Maß an Fiktion verbunden. Auf der anderen Seite liegt dem literarischen »Nature Writing« häufig ein starkes Interesse an dem zugrunde, was sich in unserer Welt beobachten, messen, mit wissenschaftlichen Hilfsmitteln erklären lässt. Die Trennung zwischen Sachbuch und Literatur ist, als strikte Trennung, ihrerseits Fiktion. Gerade im Bereich »Nature Writing« lassen sich viele Vermischungsformen beobachten. Ich habe als Autorin häufig von sogenanntem Sachwissen profitiert. In meinem Gedichtband »subsong« verbinden sich neuere Erkenntnisse der Ornithologie mit alten Versuchen der Menschheit, sich die Vogelsprache auszubuchstabieren. Der Philosoph Thomas Nagel hat den Satz geprägt, dass man, selbst wenn man alles über eine Fledermaus wüsste, was es zu wissen gibt, doch nicht wüsste, was es bedeutet, eine Fledermaus zu sein.
Kann Literatur herausfinden, wie es ist, eine Fledermaus zu sein?
Sie kann uns wissen lassen, was dieses »nicht« bedeutet. Kann zeigen, welche Vorstellungen wir uns von der Andersheit der Fledermaus machen und was diese Vorstellungen für unser Selbstverständnis bedeuten. So dass wir die Differenz empfinden und uns in unserer Vorstellung der Fledermaus selbst erkennen. Ich glaube, dass es in zahlreichen Ansätzen des „Nature Writing“ letztendlich darum geht, unserer Einsamkeit zu entkommen. Wir müssen von Leben und Lebendigkeit umgeben sein, um Vorstellungen davon zu entwickeln, was unsere Lebendigkeit und unser Leben bedeuten könnten.
Dann benutzen wir die Natur und die Tierwelt als Spiegel, um eine Vorstellung von uns selbst herauszubilden?
Selbstverständlich. Wir sind spiegelnde Tiere. Aus unserem Wahrnehmungsapparat, unserer Sprache, unserer Denkweise können wir nicht herausspringen. Ständig erfinden wir »das Andere«, um uns in Bezug darauf zu verstehen. Natur war beziehungsweise ist eine der folgenreichsten westlichen Erfindungen dieses Anderen.