Worum es geht
Zweitägiger Intensivworkshop mit dem Dramatiker Nis-Momme Stockmann
Ein guter Dialog entsteht nicht einfach dadurch, dass Figuren miteinander reden. Er entsteht dort, wo unterschiedliche Absichten, Bedürfnisse und Machtpositionen aufeinandertreffen. Zwei Menschen können dafür genügen – manchmal braucht es drei, vier oder eine ganze Gruppe. Wer spricht mit wem? Wer schweigt? Wer verbündet sich mit wem? Wer hat die Oberhand, wer verliert sie – und was verändert sich unwiderruflich durch das, was in diesem Raum gesagt oder gerade nicht gesagt wird?
In diesem zweitägigen Intensivworkshop beschäftigen wir uns mit dem Dialog deshalb nicht nur als Sprache, sondern als Handlung: als ein Gefüge aus Figuren, Absichten, Macht, Widerspruch, Rhythmus und Timing. Dabei vertiefen wir Gedanken aus dem Kurzworkshop Lebendige Figurenarbeit, gehen aber einen entscheidenden Schritt weiter: Wir untersuchen, wie aus Figuren Konstellationen werden und aus Konstellationen Handlung
Arbeitsweise/Voraussetzungen
Tag 1: Konstellation, Macht und Irreversibilität
Am ersten Tag suchen wir nach handlungstragenden Settings, aus denen Dialog fast von selbst entstehen kann. Welche Partnerschafts-, Familien-, Freundschafts-, Nachbarschafts- oder Arbeitsverhältnisse tragen bereits einen Konflikt in sich? Was macht eine eingeschliffene Freundschaft ebenso interessant wie eine CEO unter enormem Druck? Und wie können wir solche Ausgangslagen finden und so zuspitzen, dass wir nicht erst zwanzig Seiten brauchen, bis etwas auf dem Spiel steht?
Wir untersuchen Machtverhältnisse: Wer hat die Oberhand? Wer glaubt, sie zu haben? Wie kann sich das Verhältnis innerhalb weniger Sätze umkehren? Wer braucht wen mehr – und was passiert, wenn sich genau das plötzlich verändert? Was geschieht, wenn eine dritte oder vierte Figur hinzukommt, Bündnisse entstehen, Fronten sich verschieben oder jemand plötzlich allein dasteht?
Statt nur nach klassischer „Fallhöhe“ zu suchen, interessiert mich dabei besonders die Irreversibilität. Ein starker Dialog verändert etwas. Nach ihm lässt sich nicht einfach wieder zum Zustand davor zurückkehren. Etwas wurde ausgesprochen, erkannt, zerstört, versprochen oder verraten.
Dafür suchen wir nach den Widersprüchen, die Menschen in sich tragen. Figuren wollen gleichzeitig Nähe und Distanz, Anerkennung und Unabhängigkeit, Wahrheit und Schutz vor ihr. An solchen widersprüchlichen Ambitionen können sich Figuren aneinander reiben – und genau daraus entsteht Handlung.
Diese Mechanik funktioniert nicht nur zwischen mehreren Figuren. Sie lässt sich ebenso auf einzelne Figuren, Monologe und innere Monologe übertragen.
Dabei arbeiten wir immer wieder an konkreten Textbeispielen: aus meiner eigenen Arbeit ebenso wie aus Texten anderer Autorinnen und Autoren. Und natürlich könnt ihr eigene Texte, Figuren oder Konstellationen mitbringen, die wir gemeinsam untersuchen und auf ihre Möglichkeiten hin abklopfen.
Tag 2: Rhythmus, Beats und Timing
Am zweiten Tag gehen wir in die Feinmechanik des Dialogs. Denn Dialogarbeit ist für mich immer auch Rhythmusarbeit.
Wie entsteht dieses Klippklapp zwischen Figuren, bei dem ein Satz den nächsten geradezu hervorruft? Wann beschleunigen wir, wann lassen wir eine Pause entstehen? Wann wechseln die Intentionen? Wann kippt eine Situation? Und wie lässt sich dieser Verlauf in einzelne Beats zerlegen und präzise steuern?
Wir beschäftigen uns mit den Entwicklungsgeschwindigkeiten von Figuren und ihren Psychologien und damit, wie man zwischen verschiedenen intentionstragenden Ebenen hin- und herknipst. Wir schauen uns an, wie schnelle, reizvolle und komische Dialoge funktionieren – aber ebenso Dialoge mit Schmelz, Verletzlichkeit und tragischer Tragweite.
Denn Humor und Tragik sind Geschwister – und beide sind eine Frage des Timings.
Auch hier gehen wir direkt ins Material: Wir schauen uns konkrete Dialoge aus meiner Arbeit und aus den Texten anderer Autorinnen und Autoren an und untersuchen, mit welchen Mitteln Rhythmus, Timing, Komik, Spannung oder Tragik hergestellt werden. Eigene Dialoge können ausdrücklich mitgebracht werden – gerade an ihnen können wir gemeinsam ausprobieren, was ein anderer Beat, eine Verschiebung der Machtverhältnisse, eine Auslassung oder eine rhythmische Veränderung bewirken kann.
Gute Dialogarbeit beginnt dabei lange vor dem ersten geschriebenen Satz. Sie hat mit Beobachtung zu tun, mit Skizzierungsfähigkeit und einer guten Notationsarbeit. Ich zeige euch einfache Techniken, mit denen ihr Menschen, Sprachbewegungen, Widersprüche und Situationen beobachten und für eure Texte festhalten könnt.
Gerade das Deutsche verführt uns schnell dazu, Figuren papieren sprechen zu lassen: vollständig, korrekt und erklärend. Wir suchen nach dem Gegenteil. Nach Menschen, die abbrechen, ausweichen, falsch antworten, sich verheddern, etwas anderes sagen, als sie meinen – und deren Sehnsüchte, Ängste und widersprüchliche Ambitionen unter jedem gesprochenen Satz weiterarbeiten.
Zwei intensive Tage über Konstellation und Macht, Widerspruch und Irreversibilität, Rhythmus, Beats, Humor und Tragik – mit konkreten Werkzeugen, die sich auf jede dialogische Textform übertragen lassen: auf Theaterstück, Drehbuch und Roman ebenso wie auf Monolog und innere Rede.
Danach seid ihr mit allem gewappnet, was ihr braucht, um starke Dialoge zu schreiben.
Veranstaltungsform
Online via Zoom
Daten und Zeiten
Wochenendworkshop vom 5. bis 6. Dezember 2026
Samstag von 10–17 Uhr & Sonntag von 10–16 Uhr (inkl. Pausen)
Kursnummer: ON-2026-180
Anmeldeschluss: 05.12.2026