Astrid Stähler


Astrid Stähler, gebürtige West-Berlinerin, arbeitete als Finanzberaterin und Übersetzerin und lebte viele Jahre auf der neuseeländischen Südinsel. Zurück in Deutschland entdeckte sie – endlich! – das Schreiben für sich und auch die Textmanufaktur. Sie studierte hier Prosa- und autobiografisches Schreiben und nahm an vielen Seminaren teil. Im Frühjahr 2023 gründete sie den Autorensalon Tübingen und veranstaltet Salon-Lesungen. Bisher veröffentlichte sie Kurzgeschichten und Lyrik; ihr erster Roman »Suchbewegungen« erschien im November 2023. Mit zwei Musikern ist sie mit der Konzertlesung »Songs & Stories« zu ihrem Roman unterwegs. Darüber hinaus arbeitet sie zurzeit an ihrem nächsten Roman.

CON-CRETE

Das Meer glitzerte in der Mittagssonne. Winzige Wellenkämme durchbrachen die sonst glatte Wasseroberfläche, bildeten einen feinen Kontrast zur zerklüfteten Felsküste, auf deren terrassenartigen Stufen sich Sonnenanbeter auf grellbunten Badetüchern so ausgestreckt hatten, dass auch das letzte bisschen Haut nicht ungebräunt im Ferienflieger wieder ins ferne Heimatland transportiert werden musste.

Oberhalb des Felskamms, an der Promenade, bahnten sich die Touristenströme ihren Weg, entlang der Souvenirgeschäfte und Bars, vorbei an den Reisebüros, die mit großzügigen Broschürenstapeln für Tagesausflüge warben, und den Restaurants, deren Ober die Vorbeiziehenden unvermittelt in allen europäischen Sprachen zum Platznehmen und Genießen der landestypischen Speisen einluden.

In einem dieser Etablissements hatten vor einer halben Stunde Wolf und Gerti Platz genommen. Wolf war froh darüber, dass das erste Bier des Tages in so greifbare Nähe gerückt war. (»Ein halber Liter Mythos für vier Euro, wo gibt es denn sowas? Und das ist ein ordentliches Bier.«) Gerti dagegen war erst nach einigem Zögern und mit Nachdruck durch Wolf überzeugt, da sie sich gern noch ein wenig länger mit den Strandkleidern im Shop nebenan beschäftigt hätte, ja vielleicht mehr als die zwei, drei »Fummel«, wie Wolf despektierlich geraunt hatte, mit in die Umkleidekabine genommen und diese übergeworfen hätte.

Vor dem Spiegel hatte sie sich hin- und hergewiegt, langsam und genüsslich im Takt der leisen Jazzmusik, die sie augenblicklich beim Betreten des Geschäfts in eine komplett andere Welt befördert hatte.
In dieser Welt, gestand sie sich ein, gab es keinen Wolf.
Sie selbst war dort eine ganz und gar andere Person, eine, die sie vielleicht einmal ansatzweise gewesen war.
Vielleicht aber hatte es sie so nie gegeben. In dieser Welt glich sie allenfalls ihrem siebzehnjährigen Ich, und sie bildete sich ein, dass ihr Leben damals, vor gut vierzig Jahren, um so viel besser gewesen war, dass es ihr fast den Atem verschlug. Doch war ihr sehr wohl bewusst, was sie da alles ausblendete, nicht wahrhaben wollte - die typischen Probleme einer Heranwachsenden mit dem Elternhaus, der Schule, der Liebe, mit dem eigenen Körper, und ja - Angst vor der Zukunft, die ungewiss wie ein trübes Gewässer vor ihr lag. Sie selbst zitternd am Ufer stehend, hinter sich eine Meute, die sie erst aufmunternd, dann immer nachdrücklicher zum Sprung aufforderte. Denn all das hatte es gegeben, natürlich.

»Wo bleibst du denn? Hast du endlich was gefunden?«

Es ergab überhaupt keinen Sinn, dachte Gerti, Wolf auf so einen Bummel, dessen Ziel es war, im Kleiderkauf zu münden, mitzunehmen. Sie wusste es doch. Warum nur tat sie sich das immer wieder an? Warum um alles in der Welt machte sie mit ihm überhaupt diese Reise?

»Nein, nichts dabei. Ich häng‘ die Sachen nur noch schnell zurück.«
»Lass das doch die Verkäuferin machen, dafür ist die schließlich da!«

Gerti spürte deutlich, dass Wolf ungehalten war: er hatte prinzipiell nichts gegen Kleiderkauf. Man musste ja irgendwas anziehen, denn schließlich kam der Mensch ja nicht mit einem Fell zur Welt. Doch hatte sie ganz offensichtlich mal wieder den Bogen überspannt. Und sie wusste genau, wie er darüber dachte, konnte ihn förmlich hören: Als ob ein neuer Fummel irgendetwas änderte. Sie war aus der Form gelaufen, genauso wie er selbst, doch hatte er sich im Gegensatz zu ihr damit abgefunden. Es gab keine Kleider, die das Zuviel an menschlichem Material kaschieren konnten. Dann eben nicht.
Wolf nahm ihr die Strandkleider samt Bügel aus den Händen, und legte, ja, warf sie fast auf den Verkaufstresen, hinter dem die junge Verkäuferin mit weit aufgerissenen Augen ob der Heftigkeit der Geste Wolfs zusammenfuhr.

»Thank you. And bye.«

Wolf sprach kein Griechisch, und hier schien ihm das universelle Englisch durchaus angemessen, denn bisher hatte er damit noch immer bekommen, was er wollte. Wieso sollte es hier auf Kreta anders sein?
Er packte Gertis Hand und zog sie hinter sich her ins Freie.
Gerti ließ es geschehen, mit vom Jazz beseelten, noch leicht wiegenden Schritten, entschlossen, sich von Wolf heute nicht die Laune verderben zu lassen. Dieses Hochgefühl, das sie so genossen hatte, nahm ein abruptes Ende:

»Ich habe Durst, Mann, habe ich einen Durst.«

Wolf, der noch immer ihre Hand festhielt und an ihr zog, nahm nun ganz eindeutig Kurs auf eine Bar. Beim Betreten des Lokals winkte er den Ober zu sich heran und strebte mit ihm im Tross auf einen Tisch direkt an der Brüstung zum Meer hin zu, der soeben frei geworden war. Gerti fragte sich insgeheim und nicht ohne Bewunderung für Wolf, wie er es immer wieder schaffte, sofort die Aufmerksamkeit aller, auf die es im jeweiligen Moment ankam, auf sich zu ziehen. Denn der Ober stand jetzt vor ihnen, rückte servil die Stühle für sie beide zurecht und begann unverzüglich, die Spuren des Konsums der Vorgänger an diesem Tisch zu beseitigen.

»What can I get you?« fragte er Wolf und Gerti, und Gerti konnte nicht umhin, einen Anflug von Verbeugung des Obers in Wolfs Richtung zu bemerken. Wenn der wüsste, dachte sie spöttisch.

»Gerti, auch ein Bier?«

Sie nickte rasch, ohne sich wirklich für dieses Getränk entschieden zu haben. Aber das war ja jetzt auch egal.

»Coming right up!« rief der Ober eilfertig und verschwand.

Gerti und Wolf setzten sich in den sonnentrocken knirschenden Korbsesseln so zurecht, dass sie einen frontalen Meerblick genießen konnten

»Herrlich, nicht wahr?«

Zufrieden faltete Wolf die Hände vor seinem ausladenden Bauch, seufzte tief und senkte entspannt die Augenlider. Er versank in eine andächtige Meeresbetrachtung und stieß nur hin und wieder einen Seufzer aus. Gerti tat es ihm nach.
Schweigend blickte auch sie aufs Meer hinaus und vereinzelten Möwen hinterher und stellte sich vor, wie es wäre, mit ihnen tauschen zu können. Verlockend, dachte sie:
weg, weit weg, von allem, Wolf eingeschlossen. Oder eher weg von sich selbst? Von diesem Leben?

Das Bier kam und mit ihm wieder Leben in Wolf. Gierig trank er das Glas in einem Zug zur Hälfte leer, stellte es ab und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.
Erwartungsvoll sah er Gerti an:

»Trink doch mal. Es ist ein ganz leichtes, nur wenig Alkohol«, ermutigte er sie, plötzlich in deutlich sanfterem Ton.

Gerti zögerte nicht länger und setzte ihr Glas an. War dies nicht der beste Teil des Tages, wenn Wolf seine ersten Schlucke getan hatte? So freundlich war er sonst nur noch selten zu ihr. Und irgendwie besorgt, oder zumindest hatte sie das Gefühl, dass ihm daran lag, dass es ihr gut ging.
Dass er ein Alibi brauchte, um zu trinken, und sie als Alibi bereitwillig herhielt - diesen Gedanken hatte sie zwar gehabt, doch schnell wieder verworfen: sie wollte doch, dass ihm etwas an ihr lag, unbedingt. Man konnte all die gemeinsam verbrachten Jahre, die Kinder, die Sorgen, den Stress, als sie das Haus bauten, seinen Seitensprung, ihren Seitensprung, die Versorgung der alten Eltern, alles, alles, alles, was sie zusammen durchgestanden hatten, doch nicht so einfach wegwischen wie eine lästige Fliege.

Er hatte doch seine guten Seiten. Sie hielt inne: ganz bestimmt hatte er die. Gerti war überzeugt, dass ihr einige davon einfallen würden, sobald die Wirkung des Bieres sich voll entfaltete.

»Du, Gerti, übrigens…«

Sie schaute auf, musste sich beeilen, den weiten Weg aus ihren Gedanken möglichst schnell zurückzulegen, ins Hier und Jetzt.

»Hmmm…«

Er nickte, hatte ihr »Hm« als zufriedenstellende Antwort akzeptiert.

»Wir müssen was machen mit dem Abfluss im Keller. Mal durchspülen oder so. Da riecht’s immer so abgestanden. In der Waschküche, weißt du?«

Und da Gerti ihn nur anstarrte, schob er noch ein »Weißt du, was ich meine?« hinterher.

Gerti, wieder ganz in die Betrachtung des Lichtspiels der Sonne auf dem Kretischen Meer versunken, nickte kurz, räusperte sich und erwiderte:

»Hast recht.«

Ein guter Kerl. Er kümmert sich, dachte sie. Und nahm mit den Augen die Verfolgung der Möwe im Sturzflug wieder auf, die sie für das Gespräch kurz unterbrochen hatte.

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