
Christine Frischmuth
Christine Frischmuth, 1971 in Reutlingen geboren, lebt am Bodensee. Nach dem Studium des Maschinenbaus arbeitete sie als Ingenieurin in der Konstruktion und im Projektmanagement, bis sie 2005 ein Fair-Fashion-Unternehmen gründete und dieses 20 Jahre lang leitete. Im Entwicklungs- und Designprozess der Kollektionen entstanden lyrische Texte, die Brücken zwischen Bildsprache, Gestaltung und Materie schlagen. Seit 2025 arbeitet sie im eigenen Beratungsunternehmen.
In ihren Werken erkundet sie das individuelle und gesellschaftliche Verhältnis des Menschen zur Natur. In ihren Texten geht es um Globalisierung, Heimatverlust und Mobbing, um Bergbau und Schafherden sowie um das Leben zwischen zwei Kulturen. Sie reflektiert ökonomische Strukturen und geht dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit nach. Ihre Sprache ist geprägt von Sachlichkeit und einer feinen Abstimmung zwischen Schonungslosigkeit und Zartheit.
»flüchtiges zertifikat«
es ist, als wären die vögel schon nach süden
gezogen, wohin sie ein stück himmel mitnehmen
zerbrechliche zentimeter in der luft
die verbogenen kabel unter der zimmerdecke
eine glühbirne, das bett vor der
weißen wand, die schatten jetzt größer
es gibt nichts, was jemals ganz verschwindet
der stuhl mit den kleidern von letzter woche
der holzschrank, das schweigen empfangen
von der kommode mit dem jesusbild blättert
die krone auf den boden, als sei sie ein
flüchtiges zertifikat für deine zerkratzen arme
vielleicht solltest du dich hinlegen in das
wässrige grau der hundert gesichter,
eine maske wäre dann deine, ein leben lang?
die letzten schreie der durchzügler im
konturlosen raum die rosen geschnitten
riechst du dein blut und ziehst den vorhang zu
worauf hast du gewartet?
du bist morgen längst nicht mehr hier
es wird dauern: komm nach haus.
Das könnte dich auch interessieren
Alle ansehenKeine Artikel gefunden.
Bitte versuchen Sie es mit anderen Suchkriterien.