Daniel Hardt

»In die Welt fallen«



Daniel Hardt wurde 1956 in Tübingen geboren. Nach einem Ingenieurstudium war er in der Entwicklung und im Vertrieb tätig. Seit 2016 widmet er sich dem Schreiben von Erzählungen und Romanen. Er kann mehrere Veröffentlichungen vorweisen, darunter einen eigenen Erzählband. Derzeit arbeitet er an seinem Roman »In die Welt fallen« und lebt in Rottweil sowie in Rottenburg am Neckar.

»In die Welt fallen«


Der von der Kritik gefeierte, aber erfolglose Schriftsteller Peter Arm gerät auf einer Schiffsreise in einen Eklat, der seine Karriere zerstört. In den USA rettet er den zum Tode verurteilten Hengst Tizian vor einem größenwahnsinnigen Tech-Tycoon. Zurück in der Heimat beginnt für Mensch und Tier eine Odyssee zwischen Verlust, magischem Varieté und einem Mord, der Peter Arm ins Gefängnis bringt. Dort schreibt er seine Geschichte nieder – und wird selbst zum Stoff seiner Literatur.

Scheitern, Aufbruch, künstlerischer Wandel



Leseprobe


An einem völlig heruntergekommenen kleinen Bahnhof angelangt, musste ich umsteigen und betrat einen Wagon, in dem sich außer mir nur eine Frau mit einem kleinen Jungen aufhielt. Ich setzte mich abseits, denn ich verspürte Hunger und bediente mich aus dem Paket, das Gisela mir zugesteckt hatte. Darin befanden sich zwei Kanten Schwarzbrot, ein Stück Hartwurst und Käse, eine Hälfte vom Kohlrabi sowie ein Fläschchen Wodka Gorbatschow.

Der Junge musste den Geruch der Speisen aufgenommen haben, denn er kam auf mich zu, setzte sich auf die gegenüberliegende Bank und schaute mir beim Essen zu. Die Frau, die seine Mutter sein musste, war eingenickt, ihr Kopf war an das schmutzige Fenster gelehnt. Ich reichte dem Jungen ein Stück Brot mit Wurst, das er gerne annahm und gierig hinunterschlang. Nur den Kohlrabi lehnte er ab, was mich nicht sonderlich verwunderte, denn kein Junge, der wohl geraten ist, mag dieses Gemüse.

Als wir unser Mahl wortlos beendet hatten, reichte er mir aus seiner Hosentasche eine Spielfigur, einen futuristischen Krieger, der mit einem ebenso futuristischen Gewehr bewaffnet war; darauf ging er zurück, setzte sich wieder zu der Frau, die bald darauf erwachte und seinem Bericht lauschte. Beim nächsten Halt stiegen sie aus, winkten mir kurz zu und erst, nachdem sie verschwunden waren, getraute ich mich, einen Schluck aus dem Fläschchen zu nehmen, das der Schärfe des rohen Kohlrabi eine andere hinzufügte und mir einen Anflug von Enthusiasmus verschaffte.

Ein Warrior hatte sich nun an meine Seite gesellt, bereit mich zu verteidigen, also raunte ich vor mich hin: Seht euch vor, ihr da draußen, der Strahl könnte euch treffen, euch im Bruchteil einer Sekunde in einen stinkenden Ballen von verbrannter Materie transformieren.

Und während ich diese Tirade in unzähligen Varianten vor mich hin skandierte, erschien ein übermächtiger Eindringling, erheblich größer, aber schlecht armiert, denn er trug nur ein seltsames Gerät, einen Mentalscanner womöglich, von dem er abhängig zu sein schien, denn er würde es unter keinen Umständen aus der Hand legen wollen. »Tut mir leid, dass ich Sie unterbrechen muss, den Fahrschein bitte«, sagte er, bevor ich beschließen konnte, ihn mitsamt seinem Instrument, an dem er hing wie ein Todkranker an einem Herzschrittmacher, in die geringste Menge bedeutungsloser, nichtssagender Moleküle zu verwandeln.

Später las ich in der nach Urin stinkenden Toilettenkabine am Wagonende zwischen all den Graffitis und obszönen Zeichnungen einen hingekritzelten Spruch, »IF YOUʼRE LOOKINʼ FOR SOMETHING, DONʼT TRY TO FIND IT«. Ich hätte gerne etwas ergänzt, hatte aber keinen Stift zur Hand, »If youʼre not looking for anything, you will find everything«.

Zurück an meinem Platz fand ich auf der anderen Gangseite vier junge Mädchen vor. Sie mochten im Alter von fünfzehn oder sechzehn sein, alle mit langen künstlichen Fingernägeln und schokoladentafelgroßen Smartphones hantierend. Zwei starrten auf ihre Displays, die anderen telefonierten. Nach einer Weile fiel mir auf, dass während die eine sprach, die andere zuhörte, immer im Wechsel, als ob sie miteinander im Gespräch wären. Zudem beendeten beide ihr Telefonat zur gleichen Zeit. Danach waren auch sie schweigend in den elektronischen Tiefen ihrer Displays versunken und nur das behände Tippen mit ihren krallenbewehrten Daumen zeugte davon, dass sie einer eingeschworenen Gemeinschaft angehörten. Wer bediente hier wen, fragte ich mich, denn es wirkte gerade so, als ob eine unsichtbare Kraft, die aus den Geräten drängte, die Motorik ihrer Daumen hervorriefe.

»Entschuldigen Sie, wenn ich störe, ich habe eine Frage. Was sollte man gesehen haben, wenn man diese Region besucht?«, fragte ich an sie gewandt, nicht weil ich auf eine Antwort aus war, sondern um herauszufinden, ob sie in der Lage wären, mit mir zu kommunizieren. Einige Sekunden verstrichen, ehe eine antwortete, ohne ihre Aktivität zu unterbrechen.

»Wüsste nicht, was hier sehenswert sein sollte.«
»Am besten, man hält sich hier nicht länger auf«, bekundete eine andere.
»O, ich wüsste da aber was«, die Dritte.
»Soso, kannʼs mir schon denken«, die Vierte, worauf alle zu kichern begannen.
»Das größte Bordell des Landes, angeblich«, so die Dritte.
»Ja, ja, aber empfehlen können wir Ihnen das nicht, mangels eigener Erfahrung versteht
sich«, worauf sie erneut kicherten.

Wenn man erwacht, ob aus dem Schlaf, einer tiefen Bewusstlosigkeit oder einer langwährenden Verblendung, ist die Welt eine andere, denn das Fehlen einer Teilnahme, in der einen oder anderen Form, muss eine Auswirkung haben, so gering diese auch sein mag.

Ich fand mich in einem Krankenzimmer. Im Bett neben mir erblickte ich einen Mann im hellblau gepunkteten Klinikkittel, der auf seinem Bett hockte, dessen Blick auf mich gerichtet war.

»Willkommen zurück«, sagte er, hager, beinahe grindig, mit grauem Stoppelbart. Warum war ich hier, fragte ich mich. Meine letzte Erinnerung setzte beim Aufenthalt im Zug ein. Später berichtete die Stationsärztin mir, ich sei beim Ausstieg aus dem Zug gestürzt und hätte mir den Kopf angeschlagen, schwere Gehirnerschütterung. Offenbar war das Fallen, das sich nach dem Sturz während der Schiffspassage erneut vollzogen hatte, eine grundlegende Eigenschaft, die mir irgendwie anhaftete. In die Welt gefallen also, wieder einmal, doch diesmal aus größerer Höhe, so schien es mir.

»Hat Sie wohl schwer erwischt. Naja, Sie sind jung und werden es überstehen«, sagte der Mann, der sich später als Franz vorstellte. »Jetzt muss ich aber pissen«, verkündete er, erhob sich und schlürfte zum Bad, dabei war sein entblößtes Hinterteil zu sehen, knochig, mit schlaffer, grauer Haut wie Pergament überzogen, ein Monument der Vergänglichkeit. Gleich erschien die Pflegerin, las meine Vitalwerte ab, informierte mich, eine weitere MRT-Untersuchung stünde heute noch an. Ich solle vorerst noch liegen bleiben, bis mein Zustand stabil sei.

Es fehlten mir also einige Minuten, überlegte ich, die Zeit, die zwischen meinem Sitzen im Wagon und dem Sturz beim Ausstieg verstrichen sein musste. Doch konnte es sich dabei genauso gut um eine längere Zeitspanne handeln, denn womöglich war ich noch ein paar Mal umgestiegen. Der Rettungsdienst hatte im Bericht die Uhrzeit 15 Uhr 23 vermerkt, was mir jedoch keinen Aufschluss liefern konnte, denn während meiner Fahrt, also derjenigen, bei der meine Erinnerung einsetzte, hatte ich nicht auf die Uhr geschaut.

Man habe mich nach 36 Stunden von der Überwachungsstation auf Normalstation verlegt, berichtete die Stationsärztin wenig später. Eine Hirnschädigung könne man mit hoher Wahrscheinlichkeit ausschließen. Allerdings müsse man das MRT-Ergebnis abwarten, bevor man an Entlassung denken könne.

Was dann folgte, sollte sich als wahre Tortur herausstellen. Mein Kopf lag in einer Schale, die von einem Metallbügel abgedeckt wurde, der sogenannten Kopfspule. Das Hämmern und Klopfen, das in der Röhre dumpf hallte, kam mir mit der Zeit wie das emsige Toben einer Höllenmaschinerie vor, versetzte mich bald in einen Zustand eskalierender Angst. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus, betätigte die Notklingel, worauf der Betreuer erschien, mir zurief, ich solle noch ein wenig durchhalten und mich möglichst nicht bewegen, sonst müsse man nochmal von vorne anfangen.

Natürlich konnte mich das keinesfalls beruhigen, und so begann ich, mit den Beinen zu zappeln, schlug mit dem Kopf gegen das Gestell. Hinaus, hinaus, aus diesem infernalischen Verlies, der Teufel soll statt meiner euch alle holen, wenn ihr mich nicht gleich erlöst. Es verging eine peinigende Ewigkeit, bis ich endlich hinausbefördert wurde, vom Höllenwärter selbst erwartet, der mich mit zu einer Fratze deformiertem Gesicht, flammenden Fingern und Geifern empfing. Und während er heftig gegen mich wetterte, züngelte es aus seinem heißen Mund, sodass ich fürchtete, er könne mich gleich küssen, um mir ein Brandmal zuzufügen, damit ich kenntlich wäre, als einer der nicht fähig war, die Qualen der Reinigung auf sich zu nehmen. Verflucht seist du, elender Beelzebub, schrie ich ihm entgegen, verpasste ihm einen Hieb, zog ihn auf die Untersuchungsliege, betätigte einen Knopf, sodass er durch das Höllentor befördert wurde, wie in einen Ofen.

Daraufhin verlegte man mich in die Neurologie, schloss mich an ein EEG, unterzog mich einer Reihe psychologischer Tests, verordnete mir Antipsychotika, die meine hohe Erregbarkeit dämpfen sollten. Ein junger Arzt der Psychiatrie suchte mich auf, von alerter Erscheinung, den Ausdruck von Gewissheit zelebrierend, nämlich denen helfen zu können, die vom rechten Weg abgekommen waren. An das Gespräch kann ich mich noch gut erinnern.

»Wie geht es Ihnen«, fragte er dem Standard folgend. Ich war entschlossen, mich nicht auf diese fragwürdige Konversation einzulassen.
»Danke, soweit ganz ordentlich, ich habe vor zehn Minuten onaniert.«
»Achja, das kann ein gutes Zeichen sein. Wie war es denn?«
»Sehr erfüllend, darf ich sagen. Ich war so frei, mir Ihre reizende Kollegin von der Pflege vorzustellen, ich glaube Sonja ist ihr Name.«
»Eine gute Wahl«, sagte er.
»Finden Sie auch? Hatten Sie denn bereits das Vergnügen?«, erwiderte ich.
»Wechseln wir lieber das Thema. Warum, glauben Sie, sind Sie hier?«
»Das kann ich Ihnen sagen. Weil Ihr Kollege vom MRT ein verdammter Sadist ist, genau deswegen.«
»Könnte es nicht sein, dass Sie sich in einer Art Ausnahmezustand befinden, warum auch immer?«
»Das genau ist die Frage. Womöglich war ich mein Leben lang in einem Ausnahmezustand und jetzt erst ist es mir möglich geworden, in eine Art Normalzustand zu gelangen, wobei der Begriff Normalzustand irreführend sein könnte.«
»Das ist interessant. Sie finden es also durchaus normal, einen Mitarbeiter zu schlagen, ihn zu überwältigen und in die MRT-Röhre zu befördern?«
»Nein, natürlich nicht. Sagen wir, es war angesichts der Umstände angebracht, schließlich hat er, genaugenommen, mit mir dasselbe gemacht.«

Und so zog sich das Wortgeplänkel noch eine Weile hin. Offenbar hatten die Medikamente bei mir eine Blockade gelöst, eine unbeabsichtigte Nebenwirkung womöglich. Gegen Abend schüttete ich die Pillen in die Kloschüssel. Am darauffolgenden Morgen zog ich mich noch vor der Visite an und riss aus.

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