
Fridolin Eggers
Fridolin Eggers wurde 1981 in Hamburg geboren. Er studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie an der Universität Tübingen. Seit seiner Jugend beschäftigt er sich damit, was Literatur bei der Bewältigung des eigenen Daseins leisten kann. In seinem Debütroman »Der große Lärm« beleuchtet er die philosophische, psychologische und gesellschaftliche Dimension des modernen Massenphänomens Lärm. »Tennis« ist das vierzehnte Kapitel des Romans. Fridolin Eggers geht als Gymnasiallehrer einem lauten Beruf nach und lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in einem turbulenten Haus in der Nähe von Bremen.
»Tennis«
Ich hätte mich leicht aus dem Familienärger heraushalten können. Doch irgendetwas zog mich unbegreiflicherweise mitten hinein in den Lärm. In unserem Wohnzimmer stand unser Philips-Farbfernseher mit dunklem Eichenholzfurnier. Sobald er angeschaltet wurde und sich die statische Aufladung knisternd auftat, gaben wir uns ganz dem Flackern unseres Kaminersatzes hin. Und mit den Fanfaren der Eingangsmelodien, die sich mir für den Rest meines Lebens mit ihrem süßlichen Wohllaut in meine Gehirnwindungen einbrannten, begann endgültig der Familienabend. Jetzt durfte endlich gelebt werden.
Die zehn Programmknöpfe befanden sich am Gerät selbst. Wir hinkten fernsehtechnisch völlig hinterher. Ich konnte nicht mit meinen nackten Zehen die Fernbedienung auf dem Wohnzimmertisch bedienen, wie mein Nachbar Felix, der damit ständig angab. Ich als Jüngster musste nach der Sendung oder während des Werbeblocks (»Waschmaschinen leben länger mit Calgon«) immer wieder zwischen den drei Programmen umschalten. Hatte ich mich gerade wieder hingesetzt, hieß es »Kommando rückwärts«, und ich musste abermals aufstehen und vom Dritten zurück ins Zweite schalten (»Ich heirate eine Familie«). Zur Tagesschau musste ich wieder aufstehen und ins Erste schalten, um Viertel nach acht dann wieder zurück ins Zweite (»Derrick«). Kaum hatte ich mich gesetzt, musste ich schon wieder aufspringen (»Mach mal etwas lauter«). War es lauter, war es prompt wieder »eine Idee zu laut« ‒ und ich musste den Regler zurück nach links schieben.
Auch mein sechs Jahre älterer Bruder war ein großer Fernsehgucker ‒ vielleicht einer der größten. Niemals vorher oder nachher habe ich einen Menschen so viel Fernsehen gucken sehen wie ihn. Als Einziger in der Familie wagte er sich auch an die höheren Programmknöpfe des verschneiten Privatfernsehens heran, das aber nur hier und da zwischen dem rauschenden Schneegestöber ein paar unbefleckte Bildfetzen preisgab (»Tutti-Frutti-Show«).
Wenn er aus der Schule kam, drehte er das Fernsehen sofort auf hohe, wenn nicht gleich die höchste Lautstärke. Kam er ins Wohnzimmer, nahm er es mit seiner Körperfülle (»Raider«) vollständig in Besitz. Er war groß, schon mit dreizehn über 1,80 und trug immer die abgetragenen Oberhemden meines Vaters. Sie waren von Flecken übersät, knitterten über seinem riesenhaften Leib und erregten das Missfallen aller anderen Familienmitglieder, insbesondere meiner Mutter (»Kannst du dir nicht mal ein frisches Hemd anziehen?«). Mit seiner hünenhaften Gestalt nahm er sofort Kurs auf die Couch. Hier breitete er seinen von der Anstrengung des Vormittags erschöpften Körper in voller Länge und Fülle aus und schickte mich erstmal los, um die Kanäle der Reihe nach durchzuknipsen (»Schalt mal durch«). Er war zu faul, selbst aufzustehen, um umzuschalten, aber ich war ihm als wandelnde Fernbedienung zu Diensten. Der Fernseher, den ich nun immer wieder aufs Neue von Taste 1 bis 5 durchzuknipsen hatte, war nur eine Art Hintergrundrauschen seiner von ihm selbst erzeugten Geräuschkulisse. Mit seinen knisternden Schokoladentafeln (»Finger weg«) und seinem pausenlosen Geplapper kommentierte er den Inhalt der Fernsehsendungen (»Langweilig«).
Ich erinnere mich noch genau an das Wimbledon-Finale von 1988 zwischen Boris Becker und Stefan Edberg. Es war ein schwülheißer Sommertag. Die Rollläden des Wohnzimmers, die mein Vater zur Einbruchsvorsorge von der Versicherungssumme für die geklauten Silbersachen gekauft hatte, waren heruntergelassen. Draußen brütete die Sonne. Meine Eltern waren weggefahren. Über zwei Stunden saß er wie gebannt vor dem Fernseher und raschelte nervös an einer Chipstüte (»funny frisch«). Neben ihm lag der zerfledderte Sportteil des Hamburger Abendblattes (»Großes Finale«). Er saß da und kommentierte gleichzeitig jeden verpatzten Aufschlag.
Je länger das Spiel ging (Becker 6:4, 6:7, 4:6), desto dramatischer entwickelte es sich zu Ungunsten Beckers. Je aufgeregter der Fernsehkommentator das Geschehen bewertete (»Aufschlagverlust zu Beginn des vierten Satzes ist natürlich bitter für Boris Becker«), desto stärker wurde der große, aber schlaffe und teigige Körper meines Bruders von einer immer größeren Anspannung ergriffen. Und je weiter das Spiel voranschritt, desto fahriger wurde Becker. Der rothaarige Tennisgott rührte in seinem weißen Trikot mit Pullunder (»Fila«) seinen Tennisschläger zum Aufschlag und ließ in gleichem Rhythmus auch rührend seine Zunge kreisen. Er rührte also, aber vergab. Fassungslos und trotzig spielte er seiner Niederlage entgegen. Aber durch zwei gelungene Aufschläge spielte er sich zugleich schon wieder aus der Todeszone heraus (15:30; 30 beide). Als retardierendes Moment gewissermaßen. Aber er vergab wieder (30:40) und der hagere Schwede setzte in seinem Polyestertrikot (»SAS«) kühl und nervenstark seine Schläge. Aber nun vergab dieser selbst und weckte wieder Hoffnungen (40 beide). Bei Becker, vor allem aber bei meinem Bruder. Dessen Anspannung, mit jedem Moment mehr werdend, verbreitete sich im ganzen Wohnzimmer. Je mehr sich das Spiel seiner Katastrophe näherte, desto mehr ergriff meinen Bruder eine kaum zu ertragende Nervenüberreizung. Er stieß Brummlaute aus, scharrte nervös mit den Füßen auf dem Teppichboden. Dabei machte er ein kratzendes, scharrendes Geräusch, eine Art Tiergeräusch. Und immer wieder sprang er von der Couch auf, machte tennisartige Bewegungen, simulierte Aufschläge, so als wollte er Boris selbst ein Beispiel damit geben. Gleichzeitig rührte er mit dem imaginierten Tennisschläger und seiner Zunge, mit der er die Rührbewegungen der Arme spiegelte.
Mit jedem verpatzten Aufschlag, jeder verpassten Chance, der Niederlage noch zu entkommen, wurde Becker fahriger, nervöser, unsicherer. Und in eben dem Maß, wie sich Becker seiner Niederlage entgegenspielte, schlugen die anfänglichen Beifallsbekundungen meines Bruders in ein Rufen, ein Schreien über Beckers augenscheinliche Unfähigkeit um (»Der ist doch unfähig«). Becker kam mit seinen kreisenden Zungenbewegungen und seinen rührenden Schlägerbewegungen, die mein Bruder vor dem Fernseher immer wieder spiegelbildlich nachvollzog, nicht gegen den Schweden an. Während Becker in der Satzpause selbst unsanft seinen Schläger in die Tasche warf, um noch einen Schluck Wasser zu trinken, griff auch mein Bruder gierig nach der nächsten Sinalco, nahm einen kräftigen Schluck, so als müsse er sich selbst nach sportlicher Betätigung stärken. Danach gab er einen brüllenden Rülpser von sich.
Die Sonne drang nur noch schemenhaft durch die Schlitze der Rollläden und warf ein blasses Zwielicht auf den schweren, unruhigen Körper meines Bruders, der in eine immer schwülere Nervosität geriet. Aus allen Poren drang der Schweiß und durchnässte sein zerknittertes Oberhemd. Als Becker zu Beginn des vierten Satzes wieder patzte, wurde der Sportteil der Zeitung endgültig zerrissen, zerknüllt und zu guter Letzt als Wurfgeschoss auf den Fernseher zweckentfremdet. Aber es half nichts: Boris vergab wieder einen Aufschlag. Oder anders: Alles in und an diesem Menschen, der durch eine Fügung des Schicksals ausgerechnet mein Bruder geworden war, alles an diesem Menschen hieß: Lärm. Aber obwohl ich mich weder damals noch heute im Geringsten für Tennis interessierte, ging ich nicht aus dem Raum.
Ich ging einfach nicht raus. Es war wie ein Rausch, dem man das Selbstschädigende schon anmerkt, aber ihn auskosten will, ihm nachschmecken, mehr von ihm verlangt und so immer tiefer und heilloser in ihn hineingerät. »Boris!«, schrie er mit seiner bereits angekratzten, kehligen Stimme, als der vierte Satz gespielt wurde. »Boris, verdammt, jetzt mach!« Aber dann wieder 15:0 für Edberg (»Boris, verdammte Scheiße, was machst Duuu?!!!«).
Dann 15:15, wieder Edberg 30:15, 30:30 (»Boris, jetzt mach ihn fertig!«). Dann aber 40:30, Matchball Edberg, ein kurzer, schneller Ballwechsel und Becker haut ungeschickt ins Netz. »Nein, Stefan Edberg ist Wimbledon-Sieger«, ruft der Kommentator (4:6, 7:6, 6:4, 6:2).
Mein Bruder aber, der Beckers Verlust noch nicht ganz begreifen will, taumelt durch den Raum, unschlüssig, wohin er mit seiner Wut will (»Boris, nein, Boris, das gibt’s doch nicht, du Idiot, Boris!«) und gerät in schwankende Schieflage. Und dann verfällt dieser schweißnasse Fleischberg in einen Heulkrampf von ungeheurer Wucht. Und das Heulen, das aus ihm herausschießt, schlägt um in eine geradezu alttestamentarische Wut, der ein Teller und die halbvolle Flasche Sinalco zum Opfer fallen, die er durch den Raum wirft und deren zuckriger Inhalt auf all das antike Mobiliar des Wohnzimmers spritzt.
Erst ungehemmte Wut. Dann tiefe Niedergeschlagenheit, der er schließlich heulend und klagend auf dem Teppichboden nachgibt. Der mächtige Fleischberg hebt und senkt sich. Erst noch flehend, dann nur noch zitternd. Er bleibt liegen. Was für ein Schauspiel! Aber anstatt mir nun dieses Schauspiel zu ersparen, bleibe ich im Wohnzimmer, nehme regen Anteil am Elend meines Bruders. Ich ergötze mich an ihm. Kränke ihn. Mache ihn lächerlich. Ich bin selbst schuld. Denn als sich anschließend an mir, dem altklugen Bruder, dem Beobachter seines unfreiwilligen Schauspiels, eben jene große antike Wut entlädt, die eigentlich Boris Becker gilt, hätte ich ja schon längst weg sein können. Jede der pfeifenden Ohrfeigen, die ich mir einfange, der Geifer, der nun auf mich gespuckt wird, die dunstige Körperlichkeit, die er jetzt in seinen sechs Jahre jüngeren Bruder hineinprügelt, sind ganz allein meine Schuld. Denn ich hätte hinausgehen können, hätte den Raum verlassen können. Ich hätte mich selbst und ihn ja in Ruhe lassen, ihn nicht mit meinen altklugen Kommentaren belästigen müssen. Ich hätte mich einfach in die Stille begeben und schweigen können. Aber ich blieb. War es das laute, kranke und zerbrechliche Leben, das mich anzog? Das große Leben, der große Lärm? Wo durch einen vergebenen Aufschlag und die ungeschickte Handbewegung eines Tennisspielers das nur mühsam ausbalancierte Gleichgewicht der Seele ins Wanken gerät? Wo alles am Gelingen oder Scheitern eines Boris Becker hängt? Wo sich Glück und Unglück eines Tages an der Flugbahn eines Tennisballs bemessen? Ich weiß es nicht.
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