
Katja Koerdt
»Die Fliege«
Katja Koerdt, 1967 in Bremen geboren, arbeitet als Markenstrategin und Werbetexterin. Sie beendete jüngst das »Fernstudium Prosaschreiben« der Textmanufaktur. Aktuell arbeitet sie an ihrem ersten Roman, einem autofiktional-literarischen Erfahrungsbericht über einen Hauskauf in Italien und darüber, wie es ist, wenn man als die »Tedeschi« versucht, in einem kleinen italienischen Bergdorf heimisch zu werden. Sie lebt heute in Darmstadt und am Comer See.
»Die Fliege«
Eine Frau sitzt am Totenbett ihrer Mutter und erinnert sich an deren letzte Wochen und an ihre schwierige Beziehung. Weil sie keine eigenen Worte findet, liest sie laut aus dem Buch vor, das sie der Mutter geschenkt hatte, bis die Stille erträglich wird.
Tod, Familie, Sprachlosigkeit
Leseprobe
Ich hatte nie bemerkt, wie groß ihre Nasenlöcher waren, bis diese Fliege sie mit penetrantem Surren unablässig umkreiste und meine Aufmerksamkeit auf sie zog. Ihre Nase war schon immer außergewöhnlich. Keine typische Frauennase, eher groß für ihre zarte Statur. Man würde sie nicht als Knollennase beschreiben, aber sie war markant. Ich hatte Angst, das Insekt würde gleich landen, in eines der großen schwarzen Löcher krabbeln und weiter in ihre Eingeweide, darum fuchtelte ich vor dem leblosen Körper herum.
Die Fliege ließ sich nicht verscheuchen, surrte stattdessen weiter, jederzeit bereit zur Landung. Ich sah mich um, fand vor dem kleinen Tisch am Fenster einen Stuhl und stellte ihn neben das Bett. Sitzend beobachtete ich sie weiter, obwohl sich außer der Fliege nichts regte und ich wusste, dass sie das nicht mochte.
»Guck mich nicht so an«, hatte sie in den letzten Wochen immer wieder zu mir gesagt, wenn ich zu Besuch war.
»Es tut mir leid. Wo soll ich sonst hinsehen?«
»Weiß ich auch nicht.«
Die Rückenlehne ihres Bettes war noch immer etwas geneigt. Das Sauerstoffgerät hatten die Pfleger schon an die Seite geschoben. Die große Metallflasche, die nun teilnahmslos in der Ecke stand, war im letzten Kampf ihre engste Verbündete geworden. Nicht freiwillig, niemals, sie wollte bis zum Schluss die Kontrolle behalten.
Selbst jetzt, Mund und Augen halb offen, halb geschlossen, die Pupillen zu winzigen schwarzen Punkten geschrumpft, wirkte sie noch ärgerlich, dass das Leben sie zwang, so zu gehen.
Um ihr einen letzten Rest von Würde zu erhalten und weil ich es aus Filmen so kannte, überwand ich mich, erhob mich vom Stuhl, lehnte mich über sie und versuchte vorsichtig, ihre Augenlider zu schließen. Doch auch die blieben widerspenstig. Mich durchfuhr ein Schauer, hastig zog ich meine Hand zurück. Ich setzte mich wieder auf den Stuhl und zwang mich, den Blick nicht abzuwenden, studierte ihre bloßen, mit Wasser gefüllten Arme, die gestern noch seitlich ihres mageren Körpers auf dem Laken lagen, so schwer, dass sie sie nicht mehr heben konnte, und die nun, Hand auf Hand, auf ihrem Bauch ruhten. Vermutlich hatten die Pfleger sie so arrangiert. Vielleicht, weil zumindest diese Geste etwas Friedliches ausstrahlte. Vielleicht auch, weil sie es schon immer so machten. Vielleicht auch nur, weil der starre Körper sonst später nicht in den Sarg passen würde.
Egal.
Obwohl die Balkontür weit offenstand, war es heiß in dem kleinen Raum unter dem Dach. Die nachmittägliche Julisonne brannte sich durch das Oberlicht und warf ihre Strahlen auf die noch immer vollen, schneeweißen Haare. Ich stand auf, schritt über die leichte Schwelle nach draußen und trat an das Geländer. Unter mir fuhren Menschen in Autos und auf Fahrrädern vorbei. Vor der Eisdiele Kinderstimmen. In der Ferne hörte ich eine Möwe kreischen. Kirchenglocken schlugen vier Mal. Ich wollte einen Moment bleiben, die frische Luft tat gut, aber meine Beine waren schwach und auf dem Balkon gab es keine Möbel. Als sie das letzte Mal hier draußen war, ist sie beim Hineingehen über die Schwelle gestürzt. Es war das letzte Mal, dass sie das Bett verlassen, das letzte Mal, dass sie eine geraucht hatte. Ich hatte mich geweigert, ihr Zigaretten und Feuerzeug ans Bett zu bringen. Ich spürte ihre Wut noch immer.
Ich ging hinein, setzte mich wieder auf den Stuhl neben dem Bett und trank einen Schluck Wasser aus meiner mitgebrachten Flasche. Die andere Bewohnerin des Zimmers hatten sie gestern schon ausquartiert, wurde mir gesagt. Sie wussten, was kommen würde. Ein Paravent schirmte den Blick zum Flur ab. Die Zimmertür war geschlossen. Die Fliege auch verschwunden, wohin auch immer. Nichts regte sich. Stille.
Ich wusste nicht, was ich als Nächstes tun sollte. Was macht man, wenn man am Totenbett seiner Mutter sitzt? Weiter auf die leblose Hülle starren, die einmal ihr gehörte? Mit ihr sprechen, wenn man zu Lebzeiten schon keine Worte fand? Sich verabschieden und dann gehen? Für immer?
Ich sah mich in dem Zimmer um. Auf der Leiste über dem Bett vor der hellgrün gestrichenen Raufasertapete standen Fotos ihrer Kinder und Enkelkinder, das neueste erst wenige Wochen alt. Wir hatten es bei unserem letzten gemeinsamen Besuch aufgenommen, gleich ausgedruckt und ihr geschenkt. Als sie es entgegennahm, leuchteten ihre Augen. Vielleicht das letzte Mal.
Auf dem kleinen Rollschränkchen neben dem Bett hatten die Pfleger ihr Wasserglas schon abgeräumt und stattdessen eine kleine Engelsfigur und eine Kerze aufgestellt. Ich schmunzelte. Der Engel hätte ihr sicher nicht gefallen, das hätte sie ihnen auch ohne Umschweife ins Gesicht gesagt, »nehmt das hässliche Ding wieder mit«, aber ich ließ ihn stehen, den Engel, was sollte ich auch sonst damit machen?
Stattdessen nahm ich das Buch, dass ich ihr zu Weihnachten schenkte, weil ich es selbst gelesen und es mir gut gefallen hatte, und ich dachte, es könnte ihr auch gefallen, sie las schon immer gerne, und das jetzt unten im Rollschränkchen zwischen Taschentüchern, Notizblock und Vitamintabletten lag. Sie hatte es schon seit Wochen nicht mehr angerührt.
»Mit mir ist nichts mehr anzufangen«, hatte sie gesagt. »Das wird schon«, war meine Antwort. Ich hätte besser zuhören sollen. »Soll ich dir vorlesen?« Aber sie wollte nicht. Sie wollte nichts. Schon gar kein Mitleid.
Ich schlug das Buch auf und blätterte unschlüssig darin herum, fand das Inhaltsverzeichnis und überflog die Überschriften der Kapitel. Epilog. Seite 543. Ich öffnete die Seite. Zögerlich las ich den ersten Satz. Es war seltsam, in der Stille die eigene Stimme zu hören. Ich brauchte einen Moment, ehe ich mich traute, weiterzulesen. Ich las den zweiten Satz. Und den dritten. Langsam gewöhnte ich mich an den Klang meiner Stimme, sah nicht mehr auf, sondern las einfach weiter. Ohne nachzudenken. Satz für Satz. Seite für Seite. Immer weiter. Und weiter. Bis genug Worte den Raum füllten. Bis die Stille mich nicht mehr erdrückte. Dann klappte ich das Buch zu, legte es wieder in das Schränkchen und verließ das Zimmer, ohne mich noch einmal umzusehen.
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