
Lilian Kaufmann
»Die Relativität der Zeit«
Lilian Kaufmann, geboren 1991 in Offenbach am Main, studierte Humanmedizin in Bern. Nach Stationen in Zürich und Mainz arbeitet sie als Dermatologin in der Nähe von Frankfurt. Auf Instagram schreibt sie als @die.buchdoktorin über Bücher, die sie bewegen.
»Die Relativität der Zeit«
Mona kommt mit einem ungewöhnlichen Talent zur Welt: Dank ihrer feinen Sinne registriert sie vieles, was ihren Mitmenschen verborgen bleibt, so auch das Verstreichen der Zeit. Überhaupt scheint das Thema Zeit eine große Rolle in ihrer Familie zu spielen: Während ihr Großvater noch als Rentner jede Uhr repariert, versucht ihre Großmutter ihre Zeit optimal zu nutzen. Nur ihre Mutter kommt immer wieder mit der Zeit in Konflikt: Seit Monas Geburt leidet sie unter wiederkehrenden depressiven und manischen Episoden, die Monas Tage regelmäßig verlangsamen und wieder beschleunigen.
Zeit, Familie, Heimkehr
Leseprobe
Man sagt, die Zeit sei relativ. Für den, der wartet, vergeht sie langsam. Für diejenige, die einen Vortrag über Steuerrecht hört, vergeht sie langsamer. Wer aber aus irgendwelchen Gründen das Steuerrecht liebt, für den kann sie geradezu vorüberfliegen. Und wenn dieselbe Person anschließend im Fahrstuhl stecken bleibt, wird ganz sicher auch die Zeit stillstehen.
Für eine moderne Quarzuhr bewegt sich der Zeiger immer exakt gleich schnell über das Ziffernblatt. Der winzige Quarzkristall, der für die Messung verantwortlich ist, schwingt schließlich äußerst präzise, und zwar in jeder Sekunde exakt 32.768 Mal.
Für Mona war es viele Sekunden her, genauer gesagt dreizehn Jahre, dass sich ihr Leben auf eine neue Zeitrechnung hatte einstellen müssen. Auf die Zeit danach. In der Zwischenzeit war sie erwachsen geworden, mehrmals umgezogen, hatte ihre innere Uhr immer wieder justiert, zum Beispiel, wenn sie für einen Urlaub in eine neue Zeitzone geflogen war, oder sich an den Rhythmus einer neuen Arbeit gewöhnt hatte, eine neue Beziehung, eine andere Umgebung. Dreizehn Jahre waren eine lange Zeit, wenn man wartete, und kurz, wenn man sie so füllte, wie Mona es für gewöhnlich tat.
Als Mona bewusst wurde, dass sie starb, schien sich die Zeit zum ersten Mal seit einer Ewigkeit zu verlangsamen. Wie viele Menschen kannte auch sie das Klischee, dass im Angesicht des Todes das eigene Leben noch einmal bruchstückhaft vor dem inneren Auge abgespielt wurde, eine Art Filmschnitt wie ein Best-of-Album. Wie die meisten Menschen hatte sich auch Mona schon dabei erwischt, wie sie sich vorstellte, welche Highlights dieser Filmschnitt wohl herausholen würde und welche Szenen ihres Lebens am Ende wirklich die Szenen ihres Lebens sein mochten. Natürlich immer in dem Gefühl, dass sich bis zu diesem Augenblick noch so viele Leinwandmomente ereignen würden, dass es ein langer, schöner und bestimmt auch einigermaßen witziger Film werden musste. Wie die meisten Menschen war auch Mona überrascht, als es dann tatsächlich geschah. Denn wie die meisten Menschen hatte Mona
noch lange nicht mit diesem Moment gerechnet.
Dabei war der Grund für ihr Sterben lediglich eine Verkettung unglücklicher Umstände, angefangen bei dem Anruf ihrer Großtante. »Deiner Oma bleibt nicht mehr viel Zeit«, hatte sie gesagt. Knapp drei Monate lagen zwischen diesem Telefonat und Monas Best-of-Film.
Mona hatte nicht lange überlegt. Sie hatte sich in den Zug gesetzt, war nach dreizehn Jahren zurück in ihre Heimat gekehrt und hatte das Fachwerkhaus ihrer Kindheit betreten.
Nun stand sie in dessen oberem Stockwerk, mitten in der Küche, und stellte fest, dass ihre Umgebung immer mehr verschwamm, bis sie selbst die Kuckucksuhr an der Wand nur noch schemenhaft wahrnahm. Trotzdem wusste sie noch, dass sie den Krankenwagen rufen musste, aber es fiel ihr auf einmal schwer, ihr Handy zu finden. Wie viel Zeit sie wohl noch hatte?
Dass es nicht mehr allzu viel sein konnte, kam nicht nur überraschend, sondern wie so oft auch vollkommen unpassend. Schließlich hatte Mona gerade etwas beenden wollen, um Platz für Neues zu schaffen und vielleicht, so dachte sie jetzt, hatte sie sich sogar neu verliebt. So viele Fragen waren noch offen, so vieles ungeklärt.
Doch der Film in Monas Kopf drängte, er nahm keine Rücksicht auf Monas Bedürfnisse.
Mitten in der Küche des Fachwerkhauses, in dem Mona eines Winternachts geboren wurde, begann alles von vorn, bevor es für immer enden sollte.
Monas Familie war sich selten einig, aber in dieser Hinsicht bestand ein stillschweigendes Übereinkommen: Mona war ein hässliches Baby. Nicht nur, weil sie selbst für eine Spontangeburt ungewöhnlich runzlig war und ihr Schädel etwas verformt. Solche optischen Abweichungen waren bekannt, sie störten auch die Hebamme nicht, die eilig zu Monas verfrühter Geburt hinzugerufen worden war. Es musste also eher an der Art liegen, wie sie sich benahm: nämlich seltsam.
Es dauerte Tage, vielleicht auch mehrere Wochen, bis Monas Großmutter Ilse benennen konnte, was es war. »Sie mustert mich«, sagte sie zu ihrem Mann. Zu ihrer Tochter sagte sie es auch, doch ihre Tochter Effi, (was auf Elfriede zurückging und deren vorübergehende Leidenschaft für deprimierende Literaturklassiker), nahm die Aussage ihrer Mutter so gleichgültig hin wie alles zu dieser Zeit. Effi machte die Geburt ihrer kleinen runzligen Tochter genauso unglücklich wie die Schwangerschaft sie zuvor glücklich gemacht hatte. Da Effis Milchproduktion ebenso ausblieb wie ihre Freude, übernahm Ilse das Fläschchen.
»Josef, sie mustert mich immer«, sagte sie zu ihrem Mann.
»Es ist, als ob sie wissen würde, was in mir vorgeht.«
»Und was geht in dir vor?«
»Na, ich bin besorgt, weil sie mich mustert.«
»Dann sei doch mal nicht so besorgt, sondern fröhlich, vielleicht entspannt sich der kleine Wurm dann.«
Doch Ilse war keine Frau, die ihren Lebenssinn aus Entspannung und Heiterkeit zog, denn alles, was nicht unmittelbar nützlich und zweckmäßig war, machte sie zunächst misstrauisch. Und so fütterte und wickelte sie das kleine Wesen, das ihr Mann Josef zurecht immer als »Wurm« bezeichnete (schließlich waren auch Würmer runzlig und kahl bis auf wenige feine Borsten) und musterte es genauso eindringlich, wie sie sich von ihm gemustert fühlte. Ilse war als treue Protestantin erzogen, aber in erster Linie war es ihr pragmatischer Charakter, der ihr jeglichen Hang zum Aberglauben oder zur Esoterik verbot. Wer sie so gut kannte wie ihr Mann Josef, der wusste, dass sie nichts so sehr verärgern konnte, wie die Frage, warum sie an einen protestantischen Gott und die Phänomene der Bibel glaubte, aber nicht an andere übernatürliche Wunder.
»Aber ich glaube doch an das Richtige«, hatte sie einmal als Antwort auf diese Frage gesagt, woraufhin Josef vorwitzig erwidert hatte: »In diesem Satz kommt das Wort Aberglaube ja sogar vor.« Ilse hatte drei Tage lang geschmollt. Wieso es für ihren Mann so schwer zu verstehen war, dass es einen richtigen, wahren Glauben gab und einen falschen, verdrehten, der nichts anderes im Sinn hatte, als die rechten Menschen vom Weg abzubringen, das hatte ihr nie eingeleuchtet. Als ihre Tochter Effi im Alter von etwa fünfzehn Jahren damit anfing, das Haus mit Räucherstäbchen zu versehen und unter ihrem Bett Tarotkarten zu verstecken, wurde sie daher zu Recht ärgerlich. Nun aber, wenn sie in die kleinen dunklen Augen dieses neuen fremden Wesens blickte, das doch aller Wissenschaft nach noch gar nicht in der Lage sein dürfte, etwas anderes wahrzunehmen als Hell-Dunkel-Kontraste, fühlte Ilse so etwas wie Unbehagen in sich aufkommen. Ein abergläubischer Mensch hätte darin womöglich eine große Albernheit gewittert, wie ein böses Omen, ein Vorzeichen, dass diesen Augen nichts entging oder einen anderen irren Quatsch. Ein Mensch wie Ilse sah stattdessen in erster Linie die Farbe, die so viel dunkler war als Effis Augenfarbe in diesem Alter und die die Frage aufkommen ließ, woher sie stammte. Sie rüttelte in Ilse ganz automatisch eine alte, sehr konkrete Furcht wach. Es war dieselbe Furcht, die sie damals gespürt hatte, als Effi auf die Welt gekommen war und sie zum ersten Mal angeschaut hatte. Die Frage, ob Effis Augen so hell und leuchtend sein würden wie ihre eigenen und die von Josef oder eben dunkel wie ein anderes Augenpaar, das Ilse manchmal noch immer verfolgte, wenn sie nachts wach lag. Eine abergläubische Person hätte in all dem also ein Zeichen sehen können, denn die Zeit vergaß nicht. Sie hatte es nur nicht eilig, da sie im Vorteil war, sie holte am Ende schließlich immer ein und diese Gewissheit machte sie ausdauernd. Zum Glück aber war Ilse nicht abergläubisch.
Effi nahm in diesen ersten Tagen mit ihrer Tochter recht wenig wahr, außer einer Erschöpfung und Kraftlosigkeit, die so ausgeprägt waren, dass sie sich wunderte, warum sie trotzdem schlecht schlief. Selbst das winzige runzlige Baby erschien ihr zu schwer, als dass sie es hätte tragen wollen. Wann immer sie ihre Tochter sah, (was in den ersten Tagen durchgehend der Fall war, sobald sie die Augen öffnete), beschlich sie daher ein Gefühl der Ratlosigkeit, ja, sogar der Scham. Müsste sie als Mutter nicht stärker sein, müsste nicht gerade jetzt, beim Anblick ihres Babys, jeder Muskel ihres Körpers bereitwillig zu seiner Höchstform anschwellen, um dieses schutzbedürftige Wesen hochzuheben und nie mehr loszulassen? Unerklärlicherweise war jedoch genau das Gegenteil der Fall. Gerade der Anblick dieses hilflosen Wesens rief in ihr Überforderung, fast schon Abscheu hervor.
Es war ihr, als müsste ein Irrtum vorliegen, als wäre das Baby bei der überstürzten, qualvollen Geburt ausgetauscht worden und als würden die Glückwünsche, die aus dem Ort eintrudelten, jemand anderem gelten. Sogar Effis Brüste verweigerten ihren Dienst, obwohl sie im Gegensatz zu Effis Muskeln so prall waren, dass sie schmerzten. Mehrmals versuchte sie mit ihren schwachen Händen, das kleine Wesen daran anzudocken wie eine außerirdische Raumkapsel an sein Mutterschiff, doch das Wesen schien ebenso wenig zu wissen, was es mit Effis Brüsten anfangen sollte wie Effi selbst. Dennoch brüllte es, brüllte laut und grausam, als verhöhnte es Effis Überforderung, als forderte es nach einer neuen, einer besser vorbereiteten Mutter. Es verstärkte das Dröhnen in Effis Kopf, den Schwindel und die Traurigkeit. Spürte es denn nicht, dass Effi müde war, dass die verfrühte Geburt im eigenen Bett sie fast umgebracht hatte? Spürte es nicht, dass sie Ruhe brauchte, Schlaf, dass sie wahrscheinlich erst eine ganze Woche durchschlafen musste, bis sie endlich fit genug war, um sich um alles kümmern zu können? Als hätte das kleine Wesen Effis inneren Monolog gehört, stellte es nach wenigen Tagen das Schreien einfach so ein. Sofort hatte Effi ein schlechtes Gewissen und Angst, dass etwas mit dem Wesen nicht stimmte. Doch die alte Kinderärztin im Nachbarort bescheinigte Mona eine gute Gesundheit. Effi war erleichtert, bis die Ärztin die Stimme senkte.
»Ist denn mit Ihnen auch alles in Ordnung?«, fragte sie.
»Ich bin nur sehr müde und habe Kopfschmerzen.«
»Wenn das in den nächsten Tagen nicht weggeht, sollten Sie nochmal zum Arzt.«
Effi nickte, obwohl sie wusste, dass sie es nicht tun würde.
Wie hätte sie ihrem Hausarzt erklären sollen, dass sie sich leer fühlte, obwohl sie in der Schwangerschaft voller Liebe gewesen war? Sie, die jede Katze retten wollte, jeden streunenden Hund streichelte und es nicht ertragen konnte, wenn ein kleiner wehrloser Vogel aus dem Nest gefallen war – Sie sollte ein kleines Menschenbaby, ihr Menschenbaby, ansehen können und sich wünschen, es würde verschwinden?
Es liegt am Schlafmangel, sagte sie sich. Wenn sie nur erst richtig ausgeschlafen hatte, dann würden die Kopfschmerzen und der Schwindel abklingen und sie selbst wieder ganz die Alte sein.
Nur nachts, wenn sie im Bett lag, wusste sie, dass sie gar nicht schlafen konnte. Wäre Effi nicht so erschöpft und besorgt gewesen, so hätte sie vielleicht an ihre Jugend zurückgedacht, als sie schon einmal ähnliche Symptome wahrgenommen hatte. Damals hatte ihre Mutter von Pubertät gesprochen, aber auch davon, dass das alles albern sei, weil sie in ihrem Alter gerade das Kriegsende hatte durchstehen müssen, und damit Hungersnot, Bombenangriffe und Angst vor dem Tod. Effi wusste, dass damals der große Bruder ihrer Mutter im Schützengraben gestorben war, der kleine Bruder im Luftschutzbunker wegen Mangelernährung und Krankheit. Sie wusste es von ihrer Tante, denn ihre Mutter sprach über solche Dinge nicht.
Ihre Mutter sagte nur: »Und du liegst hier im Bett und heulst, obwohl es dir so gut geht.«
Tatsächlich waren die Symptome irgendwann abgeklungen, und später, wann immer Effi versuchte, sich diese Zeit in Erinnerung zu rufen, war sie ihr vorgekommen wie eine heftige Grippewelle. Oder wie ein böser Traum.
Diesmal schienen die Symptome jedoch länger anzuhalten, weshalb Effi froh war, dass ihre Mutter ihr das Fläschchen abnahm und Mona gleich mit. Auf diese Weise hatte Effi wenigstens ein paar freie Stunden am Tag, in denen sie dösen und an die Zimmerdecke starren konnte. Sie ahnte zwar, dass ihre Mutter sich über sie ärgerte, aber wie so vieles in diesen Tagen, war ihr auch das egal. Oder: Sie hatte keine Kraft, sich darüber Gedanken zu machen. So verbrachte sie Monas erste Wochen auf dieser Welt überwiegend hinter halbgeschlossenen Läden und zurückgeschlagenen Decken.
Am ersten Tag, als es ihr etwas besser ging, fiel ihr auf, dass sie das runzlige Wesen, das ihre Tochter sein sollte, bisher noch gar nicht richtig aus der Nähe betrachtet hatte. Ihr schien, als hätte sie die Kleine zwar gesehen, aber nie richtig wahrgenommen, zumindest nicht als ihre Kleine, als ein Mensch, der nur vorübergehend so winzig und runzlig sein würde und eines Tages so groß und eigenständig und unangenehm wie viele Erwachsene da draußen. Effi beugte sich über das schlafende Kind und betrachtete die kleinen Händchen, die noch nie geschüttelt worden waren, die nichts geschaffen hatten und nichts geschlagen. Sie sah die Füße, die noch nie den Fußboden berührt hatten, die nie getanzt hatten, nie gestolpert waren. Sie sah den Bauch, der nichts kannte, außer der künstlichen Milch, die Ilse ihm verabreichte. Die Brust, die eines Tages vielleicht genauso voll und begehrt sein würde wie Effis und nun gleichbedeutend war zu Monas runzligem Rücken oder ihrer Fußsohle. Sie sah die Wangen, die sich immer mehr aufblähten und die Runzeln glätteten, die runde Nase, die eine winzige Skischanze bildete und den Mund, so zart wie ein junges Blatt. Plötzlich, ganz unvermittelt, begann sich doch noch etwas in Effi zu regen. Es war wie eine Vorahnung auf die Liebe, die sie vielleicht eines Tages wieder empfinden würde. Als hätte Mona die Blicke ihrer Mutter bemerkt, schlug sie auf einmal die Augen auf und betrachtete sie so intensiv, als würde auch sie endlich wissen wollen, wer die Frau war, mit der sie sich ein Zimmer teilte. Erst jetzt fiel Effi auf, was ihre Mutter sofort registriert hatte: Die Augen des Wesens waren braun. Eine Sekunde lang erwiderte Effi den prüfenden Blick ihrer Tochter, dann trat sie einen Schritt zurück und spürte bereits, wie eine neue Welle der Hoffnungslosigkeit über ihr zusammenschlug. Sie wusste, was ihre Mutter nur geahnt hatte: Dass nicht nur ihr Exfreund Markus, sondern auch ein anderer Mann als potentieller Vater des Wesens in Frage kam. Doch Markus, und das wusste auch ihre Mutter, hatte Augen so blau wie Vergissmeinnicht.
Im Gegensatz zu seiner Frau und seiner Tochter glaubte Josef weder an den Protestantismus noch an böse Zeichen, sondern einzig und allein an die Wissenschaft. Oder besser gesagt, an einen Teilbereich dessen: die Mechanik.
Im Alter von dreizehn Jahren war Josef mit seiner Mutter und seinen beiden jüngeren Geschwistern von Schlesien nach Thüringen geflohen, in seinem Gepäck ein Teller und ein Becher sowie eine beschädigte schlichte Armbanduhr, die laut seiner Mutter von seinem Vater stammen musste. Zum Schutz vor Dieben trug er sie zunächst in der Unterhose, aus nachvollziehbaren Gründen legte er sie schließlich um den Knöchel, bis er sie eines Morgens nicht mehr finden konnte.
Ob sie geklaut worden war oder ob er sie einfach beim Marschieren verloren hatte, würde er nie sagen können. Im Alter von vierzehn Jahren begann er an einem neuen Ort seine erste Lehre, während seine Familie das Dach mit Bauersleuten teilte und seine Mutter das Bett abwechselnd mit dem Bauern und dem Stallknecht. Das hatte den Vorteil, dass sie nicht sofort wieder umziehen mussten, und Josef morgens, nachdem er um fünf Uhr die Kühe gefüttert hatte, das Fahrrad des Bauern leihen durfte, um damit eine Dreiviertelstunde bis zur Lehrwerkstatt zu radeln. Dort entzündete er zuerst ein Feuer, damit der grimmige Lehrmeister etwas weniger grimmig war, wenn er die Leiter zu seiner Werkstatt herunterkletterte. Das Feuer war leider das Einzige, was Josef gelang, ansonsten stellte sich recht schnell heraus, dass er keinen geeigneten Maurergehilfen abgab. Das lag zum einen daran, dass er für sein Alter schmal und trotz der Arbeit mit den Kühen schwach war, denn er aß wenig und einseitig. Zum anderen machte die Arbeit Josef schlicht und einfach keinen Spaß. Das bloße Herumtragen von Steinen und zementschweren Säcken, das unaufhörliche Mischen des klebrigen Mörtels und die Arbeit im Freien deprimierten den Jungen mehr als die Tatsache, vor Sonnenaufgang eine Dreiviertelstunde das Rad nehmen zu müssen. Es dauerte somit nicht lange, bis Josef hinausgeworfen wurde, genau wie beim Zimmermann und beim Schmied.
»Der Junge taugt nichts«, sagte der letzte zum Bauern, als dieser gerade darüber nachdachte, wann er die Schenke verlassen sollte, um zuerst ungesehen bei Josefs Mutter vorbeizuschauen und sich danach zu seiner eigenen Frau zu schleichen.
»Nimm du ihn, anstatt ihn überall rumzureichen.« Doch der Bauer wusste, dass Josef schwach und kränklich war, immerhin war das der Grund, warum er ihn selbst kaum gebrauchen konnte. Außerdem traute er Jungen in dem Alter generell nicht über den Weg. Er hatte Angst, dass er sich vor seiner Frau verplappern könnte, denn der Bauer war sich ziemlich sicher, dass Josef von den heimlichen Besuchen bei seiner Mutter wusste. Und dann gab es noch einen dritten, relativ irrationalen Grund: Der Bauer wollte Josefs Mutter einen Gefallen tun, denn er hing unerklärlich stark an ihr.
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