Sandra Miehling

»Freifahrt«



Sandra Miehling, geb. 1973 in München, hat Germanistik und Romanistik in Regensburg, Toulouse und Perugia studiert. Sie liest und schreibt viel, am liebsten über die Liebe. Außerdem unterrichtet sie Kinder und Erwachsene in Deutsch als Fremdsprache und arbeitet als freie Lektorin und Übersetzerin für einen Geschenkbuchverlag.

»Freifahrt«


Jahrelang steigt Ina heimlich in ein Taxi. Nicht weil sie irgendwo hinmuss, sondern weil sie Zeit mit dem wortkargen, eigenbrötlerischen Taxifahrer Franz verbringen will. Schon nach der ersten Begegnung ist Ina klar, dass sich für sie hier etwas völlig Neues auftut. Und sie weiß, was sie will: das Falsche.



Leseprobe


Kapitel 24

Das kleine Apartment, das ich gebucht habe, ist oben im ersten Stock. Die Vermieterin steht sofort in der Tür, als wir klingeln. Sie hat runzlige Haut, eine gemusterte Küchenschürze um den mageren Leib gebunden und heißt Ilze. »Ilze«, wiederholt sie zweimal und klopft dabei mit den Fingerknöcheln auf ihre Brust. Auf diese Weise werden wir uns die nächsten Tage verständigen. Ilze kann kein Englisch.

Auch wir nennen unsere Namen, sie lacht und nickt und schaut von Franz zu mir und umgekehrt, immer wieder hin und her, als versuche sie einzuordnen, welcher Art unser Verhältnis sei.

Mit ihren warmen, trockenen Händen umfasst sie kurz meine Unterarme und sagt leise lächelnd viele Dinge, die ich nicht verstehe, aber dann winkt sie ab, gluckst und schlurft in die Küche, wo sie an einem lackierten Holzbrettchen die Schlüssel hängen hat.

Franz hält sich immer etwas hinter mir. Es war meine Idee. Ich habe das alles hier organisiert. Er ist einfach nur mitgekommen. Ein wenig verunsichert steht er auf der Schwelle. Leicht schief, wie immer, wenn er steht. Eine Sache mit dem Skelett, hat er mir erklärt, seit Kindheit an. Nichts Schlimmes, aber er müsse jeden Tag Übungen machen.

Ilze gibt uns ein Zeichen, ihr zu folgen und steigt langsam die Treppe hinauf. Oben bleibt sie stehen, sieht sich kurz nach uns um, zeigt mir den kleineren der beiden Schlüssel am Bund und schließt uns dann die Tür auf. Sie macht einen Schritt zur Seite und lässt uns den Vortritt.

Es geht direkt in eine helle Wohnküche, durch deren weißlackiertes Fenster das Morgenlicht fällt.

Obwohl ich in diesem Haus nie war, erinnert mich sofort alles an unsere Urlaube früher.

Ilze öffnet die Schränke und Schubladen, zeigt uns Geschirr, Töpfe, Pfannen, Tücher. Alles ist sauber, nichts fehlt.

Sie zeigt uns das Bad, eng und mit kleinen, hellgrauen Kacheln gefliest. Hinter einem milchigen Vorhang die Dusche, daneben nur ein winziges Waschbecken und ein Klo, dessen Spülkasten unter der Decke befestigt ist. Man muss an einer Kette mit Emaillegriff ziehen.

Zuletzt präsentiert sie uns die Schlafkammer. Ein schmaler Raum, in dem sich neben dem Bett nur noch ein antiker Kasten mit Schnitzereien und Wurmlöchern befindet. Auch hier ist alles hell, spielt die frühe Sonne durchs Zimmer und sprenkelt die weißbauschigen Federbetten mit Lichtflecken.

Ilze hält mir den Schlüssel hin und ich zittere so sehr, dass sie mich für einen Moment besorgt ansieht. Dann nimmt sie einfach meine Hand und drückt den Schlüssel fest und bestimmt hinein. Ich glaube, sie hat längst verstanden.

Was wir in Lettland erleben, vermischt sich mir. Die Welt ist ohne Ordnung, ohne Reihenfolge. Nächte und Tage, an denen wir uns erkunden, unsere Seelen, unsere Körper, mit Blicken, Worten, Händen, inwendig und auswendig. Wir lernen uns wie ein Gedicht. »Ich muss dich doch wissen«, sagt Franz und es klingt so klar und natürlich, wie die Luft, die durch die geöffneten Fensterflügel ins Zimmer strömt.

Wir schwimmen im See und essen dicke Brotscheiben mit Butter und gesalzenen Radieschen. Wir marschieren an Flüssen entlang, kilometerweit, unsere Schatten nebeneinander, über Erde, Gras, Asphalt, vorbei an Windrädern, Schafherden und Flurkreuzen. In der Ferne, weißschimmernd, Dörfer und Städtchen, deren Namen wir nicht kennen. Im Juni ist die Natur verschwenderisch. Pappelsamen fliegen durch die Luft, und über die Zäune der Gärten quellen in dicken Büscheln Pfingstrosen und Hortensien.

Wenn wir müde sind, liegen wir im Schatten von Weichselbäumen. Oder wir lehnen uns an die kühle Wand eines gemauerten Pfeilers, da, wo dunkel das Wasser entlangzieht, unter dem Bogen einer Brücke. Auch hier, weit weg von allem, sind uns die verborgenen Winkel am liebsten. Wir ducken uns vor den Blicken der Welt. Die Angst ist immer da. Ohne sie gibt es uns nicht.

Manchmal essen wir in billigen Gasthöfen. Mehr ist nicht drin, schließlich nehmen wir beide in dieser Woche nichts ein. Das sei ein ganz neues Konzept für ihn, ›Urlaub‹, sagt Franz. Nur Geld auszugeben, aber keines zu kriegen. So etwas mache er sonst nie.

»Nie?«

Er schüttelt den Kopf. »Geht mir auch nicht ab«, sagt er.

Erst jetzt wird mir richtig bewusst, was die Zeit hier für ihn bedeuten muss. Wenn Ben frei hat, kommt trotzdem Geld auf unser Konto.

Den späten Nachmittag verbringen wir meistens im Zimmer. Dann wundere ich mich, wie selbstverständlich Franz in mein Leben getreten ist. Ich habe ihn nie gesucht und trotzdem gefunden.

Ab und zu erzählt er mir von Lena. Wie seine Tochter ihn mit ihrer Sprachlosigkeit gefoltert habe.

»Die Trennung hat sie fertig gemacht«, sagt er. »Sie hat einfach aufgehört zu reden. Es gab nie eine krasse Szene. Aber sie hat diese leisen Waffen ausgepackt. Und diese stummen, großen Augen.«

»Aber jetzt ist es besser?«, frage ich.

»Es hat sich dann schon gegeben.«

Ich muss mir von dieser jungen Frau mein eigenes Bild machen. Franz hat mir nie ein Foto von ihr gezeigt. Ich sehe eine mutige, selbstbewusste Person vor mir. Sie fixiert mich mit klarem Blick. Was sie von mir halten würde? Ich mache mir nichts vor. Sie würde mich genauso hassen wie meine Kinder Franz.

»Wie hat sie wieder angefangen zu sprechen?«, frage ich und stelle mir vor, wie es wäre, wenn Yassin oder Levi sich von mir abwendeten.

»Eines Tages hat sie mich weinen sehen. Da hat sie losgeschimpft, dass ich mich nicht so anstellen solle. Sei nicht auszuhalten der Anblick, da rede sie lieber wieder mit mir. Da musste ich lachen. Seitdem lachen wir eigentlich ziemlich viel.«

Wenn es dämmrig wird, gehen wir oft noch einmal nach draußen. Es ist schön, dem Dunkelwerden zuzusehen, dem langsamen Herunterdimmen der Natur. Wir beobachten die Tiere, die zum Fressen aus dem Wald kommen und deren Silhouetten mehr und mehr mit dem Grau der Landschaft verschmelzen.

Nur die Vögel oben am Himmel sind noch in Helligkeit getaucht. Wir legen den Kopf in den Nacken und folgen ihrem Flug, ruhige Bögen, die sich immer mehr entfernen, bis die Nacht auch dieses letzte Bild schluckt.

Dann gehen wir den gewundenen Weg Richtung Wasser. Am Ufer setzten wir uns auf einen Baumstamm und lauschen dem trägen Blubbern der Wellen, die ans Ufer schwappen.

»Die Leute lächeln, wenn sie uns begegnen«, sagt Franz.

»Ja«, nicke ich. »Vielleicht sieht man, dass wir glücklich sind?«

»Sind wir das?«

»Es ist ein bisschen leichter hier.«

»Sie idealisieren diesen Mann natürlich«, sagt mein Therapeut.

Er trägt heute einen übertrieben optimistischen Pullunder in Frühlingsgrün, die Beine wie immer lässig übergeschlagen.

Franz idealisieren? Was weiß er denn? Ich habe ihm doch noch gar nichts erzählt.

»Die geheim geführte Beziehung musste sich nie in einem Alltag bewähren. Sie ist eine Illusion.«

Ich bin nicht sicher, ob ich mich mit dieser Sichtweise anfreunden kann.

»Wie Dantes Beatrice«, sagt Herr Beethoven, der diesmal erstaunlich redselig ist, »die war sein Engel – aber eben nur in seinen Träumen. Zuhause hatte er Frau und Kinder. Das war das reale Leben.«

Ein gebrechlicher Taxifahrer mit Augenringen und struppigem Bart soll meine Beatrice sein?

Ich versuche klarzustellen, dass dieser Mensch, den ich mir, aus welchen Gründen auch immer, ausgesucht habe, gerade nichts Überirdisches hatte. Ich verstehe schon, was er meine, in diesem Fall aber sei es anders.

»Nein«, erwidert Herr Beethoven. »Dieser Mensch, so wie er war, war eben Ihr Ideal.«

Gut. Ich werde mich damit auseinandersetzten. Nichts Reales, sondern eine Verklärung. Er ist der Profi.

Und dann mein Mann: Der immer wieder sagt, dass wir Herrgott noch mal darüber hätten sprechen können. Ich weiß. Er hat natürlich Recht. Vielleicht. Ich versuche es mir vorzustellen: Ben und ich, diese Angelegenheit beredend. Dass ich jahrelang Taxi fahre, nicht, weil ich irgendwohin muss, sondern weil ich Zeit mit diesem Typen verbringen möchte. In meiner Fantasie wird es eine sehr missverständliche Unterhaltung. Aber ich stelle mir die Frage ja auch: Warum habe ich geschwiegen?

Ben sagt, ich hätte die Liebe beenden können.

»Nur äußerlich«, sage ich.

»Das stimmt nicht«, sagt er. »Wenn man jemanden nicht sieht, kann man ihn vergessen.« Einen kurzen Moment lang will ich widersprechen. Aber ich widerspreche nicht.

»Du hättest den Funken zertreten können«, sagt er, »es wäre vorübergegangen. Wenn du es nur gewollt hättest«.

»Möglicherweise ist es so«, antworte ich.

Ich aber habe ihn nicht nur nicht gelöscht, sondern noch mit aller Kraft angefacht. Da sei es logisch, dass am Ende alles brennt.

Auf die Idee mit dem Austreten bin ich damals tatsächlich nicht gekommen. Aber das mit den Bildern ist so eine Sache. Ben hat wahrscheinlich festes Schuhwerk vor Augen. Ich sehe mich eher barfuß. Trotzdem: Ich hätte es schaffen müssen.

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