Sarah Knausenberger

»stricken«



Sarah Knausenberger wurde 1980 geboren und wuchs am Bodensee auf. Nach der Schule arbeitete sie für eine NGO in Ghana, studierte Theologie in Stuttgart und Creative Writing in den USA. Seit 2014 lebt sie mit ihrer Familie in Hamburg. Die schwere Krankheit ihrer ältesten Tochter zwingt sie zu einem ruhigen Lebensstil, doch die Abenteuerlust hat sie nie verlassen. Schreiben ist für sie wie Reisen in eine andere Dimension.

»stricken«


Was, wenn der Tod am Tisch sitzt und mitessen will, wenn er einfach nicht mehr geht? Darf man dann noch Witze machen?

»Stricken« zeigt Charlotte, wie sie unablässig Mützen produziert, seit ihrem Schlaganfall einhändig. Die Strickstücke ihrer Tochter sind wie Tagebucheinträge, stellt die Autorin fest, und findet Parallelen zum Schreiben. Der Text ist Teil einer Essay-Sammlung mit dem Titel »Dieses eine Leben«, in der es um die chronisch kranke Tochter geht und darum, wie sich eine Familie dem Tod stellt.



Leseprobe


Heute trage ich den pfirsichfarbenen Pullunder. Er ist hinten auf rechts und vorne auf links gestrickt. Ich werde immer auf ihn angesprochen, wenn ich ihn trage. Auf die Farbe. Und ob ich ihn selbst gestrickt hätte? Nein, sage ich dann. Das war meine Tochter. Oh, sie strickt? Ja, sie strickt. Seit sie acht ist, also seit über zehn Jahren, fast jeden Tag.

Du lachst, wenn wir darüber sprechen, wie mal eine Intensivschwester aufschrie, als sie in dein Krankenhauszimmer kam, und dein Bett überzogen war von roten Linien. Rote Farbe, damit assoziiert man im Krankenhaus nur eins: Blut. Aber es war Wolle, herrliche, zinnoberrote Wolle. Nie sind wir ohne Strickzeug ins Krankenhaus gefahren. Nach deinen Hirnblutungen, da ging es dir zu schlecht, die Nadeln blieben wochenlang im Beutel. Aber nicht für immer. Irgendwann hast du nach ihnen gefragt, und das war dann das Zeichen: Es geht bergauf.

Überleben und Stricken, das sind in meinen Ohren fast Synonyme. Nicht nur auf dich bezogen: Was hätten die Soldaten vor hundert Jahren in den matschigen Schützengräben gemacht, ohne die selbstgestrickten Pullis und Socken und Mützen? Hinter jedem nicht erfrorenen Soldaten stehen tausende von gestrickten Maschen, die seinen Körper wie ein Netz vor der tödlichen Kälte bewahrt haben.

Obwohl Maschinen diese Arbeit heute übernommen haben, wird immer noch gestrickt. Und immer noch geht es ums Überleben. Wir kannten in den USA einen jungen Mann, der suizidal war. Nathan. Wir verkehrten in denselben Kreisen, er hatte seine Kinder auf deiner Schule. Einmal kam ich in mein Lieblingscafé und da saß er inmitten des Gedränges allein an einem Tisch und strickte. Ich begrüßte ihn, er sah kurz auf, grinste und dann gings weiter. Es hatte etwas Verbissenes, wie er strickte, als ging es ums Überleben. Er strickte hoch komplexe Muster, die später quer über den Kopf seiner Kunden verliefen. Denn er strickte Mützen. Eine pro Woche, das ganze Jahr über. Im Winter verkaufte er sie auf dem Weihnachtsmarkt. Dann saß er hinter seinem Stand, darauf ein Berg voller Mützen. Voller Maschen. Voller erkämpfter Sekunden und Minuten an Leben.

Die pfirsichfarbenen Pullunder hast du zusammen mit einer Frau gestrickt, die ab und zu kam. Ich glaube, sie versuchte, mildtätig zu sein. Ihr Mann verdiente gut, dafür ging sie zu kranken Menschen, um ihnen Gesellschaft zu leisten. Ihr fingt dieses Pullunder-Projekt an: nahmt gleichviele Maschen auf, sie strickte die Hinterseite, du die Vorderseite. Allerdings hat sie ihre milde Tätigkeit dann von einem Tag auf den anderen abgebrochen, als du ihr gesagt hattest, du könntest in die Zukunft sehen. Und dass du die Ahnung hättest, ihr Mann könne bald sterben. Sie fand das unmöglich von dir. War es ja auch. Aber hey, du warst ein Kind, elf Jahre alt. Über den Tod nachzudenken: Das war für dich normal. Und schon damals hat deine Fantasie begonnen, sich vor die Realität zu schieben. Ich hab noch versucht, ihr das zu erklären, es half nichts. Die Frau kam nicht mehr. Aber du hast weitergestrickt. Du hast auch weitergestrickt, als die einzige Freundin aus deiner Klasse nicht mehr kam und als die Lehrerinnen den Kontakt abbrachen. Du hast gestrickt, nachdem ein ehrgeiziger Professor immer und immer wieder versucht hat, das Knäuel an Venen in deinem Kopf zu entwirren. Einmal bist du danach mit der Halbseitenlähmung aufgewacht. Ein Kollateralschaden. Seitdem klemmst du die rechte Nadel zwischen die Knie.

Früher hast du gern gemalt, bunte Königsfamilien und Häuser mit Blumenstrauß im Schornstein. Nach den Hirn-OPs hast du aufgehört damit. Eine Lehrerin beschrieb damals, sie habe den Eindruck, du befändest dich auf einem anderen Stern. Du konntest inhaltlich nicht mehr andocken. Starrtest oft in die Luft, mit einem abwesenden Lächeln auf den Lippen ... Wie sich dein Verhältnis zur Welt durch die OPs verändert haben muss. Der minimalste Eingriff im Gehirn kann massive Auswirkungen haben. Einmal trat ein Schlaganfall auf. Da waren wir schon seit einer Woche wieder zuhause. »Es fühlt sich an wie ein Alptraum«, konntest du noch sagen, dann verlangsamte sich deine Sprache, du konntest die Schuhe nicht zu Ende binden und wurdest stumm. Niemand wusste, wie lang, und ob für immer. Aber du hast dich zurückgekämpft, Tag für Tag, Woche für Woche. Irgendwann hast du nach den Nadeln gegriffen. Und hast dich Masche für Masche zurück in die Realität gehangelt. Manchmal kommen mir die Stricknadeln vor wie kleine Balken, die auf dem Meer der Ungewissheit treiben. Wenn du es schaffst, nach ihnen zu greifen, heißt das, du kommst zurück.

Mittlerweile hast auch du dich auf Mützen spezialisiert. Bunte Mützen mit lustigen Stoppeln an der Spitze. Jede erzählt eine Geschichte. Für Deine Zwillingsschwestern, die du liebevoll deine »Kätzchen im Stroh« nanntest, als sie klein waren, stricktest du identische Mützchen. Ebenso für ihre Puppen. Auch der Rest der Familie wurde nach und nach bestückt, zuletzt dein Opa, seine Mütze ist grasgrün und etwas hoch geraten. Er sieht darin aus wie ein großer Zwerg. Für deinen Sportlehrer, der ein HSV-Fan ist, hast du mal eine Mütze in schwarz-weiß-blau gestrickt.

Ein Glück, dass du in der ersten Klasse eine so engagierte Handarbeitslehrerin hattest. Mrs. Lehman. Sie erkannte, dass deine rechte Hand schwach war und hat dir von Anfang an Linkshänder Stricken beigebracht. Wie es funktioniert, weiß ich nicht. Tatsache ist, diese Lehrerin hat dir damit ein Geschenk fürs Leben gemacht. Ich wollte ihr immer mal danken dafür, aber wir lebten damals in den USA und hatten den Kontakt nicht gehalten, als wir nach Deutschland zogen. Und dann, als wir vor drei Jahren an der Atlantikküste in New Jersey Urlaub machten – ohne dich, du musstest dann doch zuhause bleiben, wie du nicht stabil genug warst – als ich dort also eine Freundin in ihrem Ferienhaus besuchte, saß da Mrs. Lehman auf der Couch. »Sie haben keine Ahnung«, platzte ich heraus, »was sie für unsere Tochter getan haben«. Und erzählte ihr, was das Stricken für dich bedeutet. Sie strahlte und sagte: »Wissen Sie was? Vielleicht sollte ich mich darauf spezialisieren. Ich hab mich sowieso in letzter Zeit gefragt, was ich noch mit meinem Leben machen will.«

Du hast also jetzt hier dein kleines Business. Ich habe dir Stofflabelchen drucken lassen, Charlottes Mützen steht darauf, die nähst du immer an die Unterkante, wenn eine Mütze fertig ist. Eine deiner Kundinnen wurde mal von einer Hamburger Modedesignerin angesprochen auf ihre Mütze. Wer die gemacht habe. Man sei an einer Zusammenarbeit interessiert. Aber auf Massenproduktion ist deine kleine Strickwerkstatt nicht angelegt. Du strickst langsam, nicht mit der Besessenheit von Nathan. Du strickst nicht, um zu überleben, du strickst, weil du lebst. Oft summst du dabei oder singst. Manchmal setzt sich deine Oma mit ihrem Strickzeug zu dir und dann entsteht so etwas wie eine zeitlose Blase um Euch herum.

Schon immer hat Stricken Frauen zusammengebracht. Es war wie ein Alibi: Da Stricken etwas Nützliches ist, durfte man es auch in Gesellschaft tun und man durfte währenddessen reden. Über die Kinder, Probleme mit den Männern und andere Sorgen. Auch ich setze mich gern zu dir, wenn du strickst. Ich liebe es, dir zuzusehen, wie du den Faden viele Male um deinen langen, schlanken Zeigefinger wickelst. Deine rechte Hand hängt dabei wie abgeschnitten herunter. Denk an deine rechte, sage ich manchmal, und dann ziehst du sie wie einen schweren Rucksack nach vorne auf deinen Schoß, biegst die verkrampften Finger auf und legst sie um die Nadel, die zwischen deinen Knien steckt.

Einmal, als wir in einer Neurorehaklinik waren, wurdest du vom Schlaganfalllotsen entdeckt. Er war fasziniert von deiner Methode und fand, das sollten mehr Leute erfahren, die auch betroffen sind. Wir haben ein Video von dir und deiner Strickmethode gedreht, es wurde auf der Seite der deutschen Schlaganfallgesellschaft veröffentlicht. Es kamen tolle Reaktionen. Darüber hast du dich gefreut. Und du hast auch sorgfältig an der Bestellung gearbeitet, die von einer fremden Frau kam, eine Mütze ganz in pink. Aber dann hast du das alles wieder vergessen. Du strickst nicht für die Aufmerksamkeit oder um möglichst viel zu verdienen oder weil es gesund ist. Du strickst as a way of being. Du liebst es, währenddessen zu plaudern und oft taucht die ein oder andere Szene aus deiner Vergangenheit auf, über die du dich dann amüsierst. Herbert Benson, ein Kardiologe, konnte mittels Kernspintomografie nachweisen, dass beim Stricken Areale im Hippocampus aktiv werden. Der Hippocampus ist unter anderem Ort unserer Erinnerungen. Mir kommt das Bild, als würdest du mit deinen langen Stricknadeln in der Vergangenheit rühren und wenn du sie herausziehst, hängt die ein oder andere Überraschung daran, etwas, das wir alle längst vergessen haben.

Manchmal sitze ich bei dir, und während du strickst, schreibe ich. Jede deiner Mützen ist wie ein Tagebucheintrag. Und jede meiner Seiten ist wie ein Strickstück. Manchmal wünsche ich mir, ich könnte anfassen, was ich schreibe. Ich meine, klar, ich kann es ausdrucken, aber ich kann nicht darüberstreichen und mit den Fingerkuppen die Regelmäßigkeit der Worte ertasten wie die Maschen meines pfirsichfarbenen Pullunders.

Stricken bedeutet, aus vielen Maschen ein Ganzes zu bilden. Die Nadel schlüpft durch die Masche, angelt sich den dahinterliegenden Faden, zieht ihn mit sich zurück, bildet daraus eine neue Masche und kann die alte abstoßen. Es ist wie ein ständiger Erneuerungsprozess. Natürlich denkt man darüber irgendwann nicht mehr nach, die Hände tun es von selbst. Die Mutter meiner Freundin ist eine dieser Strickerinnen, die nicht mehr hinsehen müssen. Sie unterhält sich mit einem und parallel bewegen sich ihre Finger, und bevor man sich’s versieht, ist wieder ein Babypulli aus ihrer Hand gewachsen. Ich habe das immer bewundert. Ich selbst habe nie richtig stricken gelernt. Aber angeblich kommt man irgendwann in eine Art Flow. Wenn alles um einen herum auseinanderfällt, wenn die Fragen darüber, wie es weitergeht, nicht beantwortet werden können, ist da immer der Faden, den man aufnehmen kann, der sich zu einer und noch einer Masche verwandelt und aus ihnen einen Zusammenhang herstellt. Ein kleines Stück Sinn in einem Meer an Ungewissheit. Stricken wird so zu einer identitätsschaffenden Tätigkeit. Im Gehirn, sagen Wissenschaftler, werden bei kreativer Arbeit die gleichen Hirnareale aktiv wie beim Beten.

Unser Mützenstrickerfreund Nathan lebt nicht mehr. Er hat seine Krankheit nicht in Griff bekommen. Aber wir haben noch eine Mütze von ihm, braun-orange mit Tannenzapfenmuster. Es tröstet mich zu wissen, dass er diese Zeiten hatte.

Gerade besuche ich meine Freundin mit ihren vier Kindern. Im Flur steht eine Mützenkiste. Darin habe ich zwei Mützen gefunden, die du mal für ihre ältesten gestrickt hast. Sie sind schon etwas verfilzt vom vielen Tragen, aber man erkennt, dass es deine Mützen sind. Deine blaumelierte Wolle, makellos gleichmäßige Reihen. Es ist jetzt so warm geworden, dass die Kinder ohne Mützen aus der Tür rennen. Die Mützen liegen da also seit Tagen ungetragen herum und jedes Mal, wenn ich an ihnen vorbeigehe, empfinde ich einen Stich. Es ist wie mit den Fotos vor der Diagnose, auf denen du noch unbeschwert in die Kamera lachst. Ich kann sie nicht ansehen, oder nur kurz. Es schmerzt zu sehr, dass diese Unbeschwertheit nie wieder eintreten wird. Auch die Kindermützen halten mir vor Augen, dass dein Stricken nachlässiger geworden ist. Du trennst nicht mehr alles auf, wenn du eine verlorene Masche bemerkst, ja, du suchst nicht einmal mehr danach. Du strickst einfach weiter. Es schmerzt, zu realisieren, dass du nie wieder solch perfekte Mützen stricken wirst wie diese hier.

Im amerikanischen Bürgerkrieg wurden Maschen als Morsezeichen genutzt, um die feindlichen Stellungen zu übermitteln. Rechte Maschen für Punkt, linke Maschen für Strich. In dem Kampf, den du kämpfst, dienen die Maschen als Chronistinnen. Sie sagen: Mein Gehirn fühlt sich an, als wolle es platzen. Sie sagen: Es geht mir schlechter, ich kann nicht mehr. Sie sagen: Heute ist ein schöner Tag! Sie sagen: Ich lebe. Jetzt. Und jetzt. Und jetzt.

Es geht bei deinem Stricken nicht um Perfektion, das begreife ich auf einmal. Warum sollte es das? Ich schreibe ja auch keine perfekten Texte. Mein Moleskine-Heft, in das ich jeden Morgen schreibe, ist gespickt von Fehlern und unleserlichen Sätzen. Das darf bei Tagebucheinträgen so sein.

Dein Stricken ist deine Schrift. Eine Schrift, mit der du dich einschreibst in dieses Leben. Der pfirsichfarbene Pullunder ist vom Umfang her wie eine kleine Geschichte, deine Geschichte. Und ich laufe in ihr herum.

Das könnte dich auch interessieren

Alle ansehen