
Simone Schmitt
Simone Schmitt, geboren am 9. April 1973, lebt und arbeitet in Aschaffenburg. Sie ist Diplom-Psychologin (Abschluss 1999) und Notfallpsychologin (BDP) und führt seit über 25 Jahren eine eigene psychologische Praxis. Ergänzend zu ihrer therapeutischen Arbeit ist sie seit 2004 als Theaterpädagogin tätig und absolvierte 2006 eine Ausbildung zur Yogalehrerin. Aktuell arbeitet sie an einem Memoir und hat bereits mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht.
»Austherapiert - eine Psychologin geht!« (Arbeitstitel)
Prolog
Ich schaue bereits zum zweiten Mal auf die Uhr. Erst zehn Minuten später. Gingen die Sitzungen früher nicht schneller vorbei?
Die Klientin berichtet von ihrem Wochenende. Sie hat es endlich geschafft, sich von ihrer Mutter abzugrenzen. Ich freue mich für
sie. Wirklich. Sie hat Fortschritte gemacht.
Und ich? Wann mache ich endlich Fortschritte? Meine scheinbar unerschöpfliche Disziplin dirigiert meine Aufmerksamkeit wieder
auf die Klientin. Diese schimpft jetzt ungehemmt auf ihre Mutter. Ich erwische mich dabei, dass ich wieder auf die Uhr schaue. Vier Minuten, wieder vier Minuten geschafft.
Danach warten noch sechs mal fünfundfünzig Minuten auf mich, dreihundertdreißig insgesamt. Dann ist mein Arbeitstag endlich
vorbei. Für heute. Mein ehemaliger Traumberuf liegt wie eine von Dürre ausgetrocknete weite Fläche vor mir. So wollte ich nie enden! Ich hatte mir doch geschworen, dass mein Leben ein Abenteuer bleiben soll. Diese weite öde Steppe, macht mir im Moment nur Durst. Durst auf etwas Prickelndes, auf einen neuen Geschmack nach all dem Kräutertee. Ich überschlage im Kopf die Tassen, die ich in knapp fünfundzwanzig Jahren mit meinen Klienten getrunken habe. Im Sommer lauwarm, im Winter heiß. Ich komme auf 30000 Tassen.
Mein Blick wandert wieder zur Uhr. Weitere sieben Minuten sind vergangen. Ich bespreche mit meiner Klientin ihre nächsten Ziele.
Fordernd aber nicht überfordernd sollen sie sein.
Mein Blut rauscht in den Ohren. Ich schwitze. Mein Körper kann nicht mehr sitzen. Ich stehe auf und kippe das Fenster hinter mir.
Sauerstoff.
Plötzlich sehe ich mich die Tür öffnen und weglaufen. Einfach raus und rennen, ohne Ziel. Laufen und laufen und...
Ich setze mich wieder hin und vereinbare mit der Klientin einen neuen Termin. In meinem Herzen laufe ich immer noch.
1. Kapitel:
Wie kam man in den Neunzigern darauf, Psychologie zu studieren? Und: Welche Kindheit muss man dafür gehabt haben?
Am Anfang, in meiner Kindheit, war natürlich alles schöner und besser. Als Psychologin weiß ich, dass man in der Erinnerung von Ereignissen meist einen massiven Rückschaufehler begeht - das heißt so ziemlich alles, auch das Schwierige, wird in rosa Farbe getaucht. Oder wie Oliver Kalkofe schreibt: Früher war nie besser als jetzt.
DORFKIND
In meinem Geburtsjahrzehnt, den Siebzigern, gab es rund um unser Dorf blühende Wiesen und Felder, zahlreiche Apfelbaumgrundstücke
und kaum Industriegebiete. Wir Kinder spielten häufig draußen, halfen beim Heu machen und waren mit dem Fahrrad unterwegs. Es fuhren ganz wenige Autos und ich fand das Dorf groß genug für meine kindliche Abenteuerlust. Die Natur fing direkt hinter der Gartentür an. Mir hat nichts gefehlt.
Unser Dorf war für mich die richtige Mischung aus Ordnung und Freiheit. Es gab zwei Bäcker, den Oberbäcker und den Unterbäcker. Brot kaufte man beim Oberbäcker, Brötchen und süße Stückchen beim Unterbäcker. Durch die Bezeichnungen würde man fälschlicherweise vermuten, dass das eine Bäckereifachgeschäft im Tal und das andere auf einem Hügel liegen müsste. Aber so war es nicht. Das Dorfwurde von einer langen Durchgangsstraße dominiert, genau in der Mitte befand sich der Unterbäcker und ein Stückchen weiter die Straße entlang der Oberbäcker. Jedes Dorf hat seine eigene Logik und seine eigene Sprache.
Es gab zwei Metzgereien. In der einen kaufte man Fleisch und Wurst für den eigenen Bedarf zuhause, die andere belieferte Gasthäuser und Feste. Hier kaufte man als Privatperson nicht ein, da die Fleischwaren nicht gut schmeckten. So sagten die Leute. Beide Metzgereien hießen »Süß«, die Inhaber waren aber nicht miteinander verwandt. Es gab einen Tante-Emma-Laden, der »Ente« hieß und im unterfränkischen Dialekt wie »Ende« ausgesprochen wurde. Der lag nur hundert Meter von unserem Haus entfernt und da dieses Geschäft auf der gleichen Straßenseite lag, durfte ich dort bereits mit meinem Stützrädchenfahrrad eigenständig einkaufen. Unser Hausarzt war Luftlinie etwa 250 Meter von unserem Haus entfernt und immer erreichbar. Es gab zwei Frisöre im Ort und wenn man sich einmal für einen entschieden hatte, so war das wie bei einer katholischen Eheschließung. Man blieb dort, bis der eigene Tod oder der Tod des Frisörs einen scheiden würde. Damals hatten die Geschäfte im Dorf höchstens zwei Wochen im Jahr geschlossen. Die »Ente« nie.
Vielleicht gab es eine Regel, dass ein Lebensmittelladen keinen Urlaub machen durfte, da die Grundversorgung der Einwohner immer gewährleistet sein musste? Oder hatten die Ladeninhaber schlicht und einfach kein Interesse daran, wegzufahren. Auch unser Hausarzt ließ sich im Jahr nur zwei Wochen vertreten. Ich frage mich heute oft, wie das damals möglich war? Wieso hatte niemand von den Geschäftsleuten ein Burnout? Kannte man den Begriff nicht oder gab es das einfach nicht? War das Leben außerhalb der Berufstätigkeit damals einfach ruhiger und erholsamer? Oder haben die Kinder der Kriegsgeneration das »Arbeiten um zu vergessen«- Prinzip ihrer Eltern einfach übernommen und haben damit ihre innere Leere und unangenehme aufkommende Gefühle überdeckt und somit wäre Arbeiten leichter zu ertragen gewesen als Freizeit? Über all das habe ich mir natürlich als Kind keine Gedanken gemacht. Für mich bedeutete es einfach Stabilität, dass ich wöchentlich von meiner Großmutter Spezialaufträge zum Einkaufen bekommen habe. Mit zunehmendem Alter hatte es mich zwar immer mehr genervt, dass sie auf überaus pünktliche Rituale pochte, aber als Kind fühlte ich mich dadurch als wichtigen Bestandteil der Familie mit eigenen Aufgaben.
In den Schulferien musste ich zum Beispiel jeden zweiten Tag um Punkt 11.20 Uhr mit dem Fahrrad von zuhause losfahren, um gegen 11.25 Uhr beim Oberbäcker ein Mischbrot zu kaufen. Dieses durfte nicht zu dunkel und nicht zu hell sein und sollte unbedingt vom Oberbäcker stammen. Niemals vom Unterbäcker. Lieber hätte Oma komplett darauf verzichtet oder den letzten Kanten altes Brot in ihren Kaffee getunkt, um ihn weich zu machen.
Meine Großmutter mütterlicherseits hatte guten Zugriff auf mich, waren doch das Haus meiner Großeltern und das Haus meiner Eltern aneinandergebaut. Das Verbindungsstück der beiden Häuser lag hinter dem Kleiderschrank im Schlafzimmer meiner Eltern. Die Tür hinter dem Schrank ließ sich nur einen Spalt breit öffnen und die Erwachsenen mussten den Bauch einziehen, um hindurch zu schlüpfen.
Das bedeutete, dass meine Oma jederzeit hinter dem Schrank hervor hüpfen konnte wie ein wehendes Gespenst, was sie auch regelmäßig tat. Wie sich das auf die intime Beziehung meiner Eltern ausgewirkt haben mag, frage ich mich heute noch. Meine Großmutter nutzte den Schrankzugang wie eine normale Tür. Für sie gab es keinen Unterschied. Wenn man sie bat, wenigstens zu klopfen, rümpfte sie die Nase und fing ein anderes Thema an.
Sie selbst lebte mit meinem Großvater in einer Ehehölle. Es gab jeden Tag Geschrei und selten ein liebes Wort. Das Resultat einer Restegemeinschaft. Beide waren vor dem Krieg jeweils in jemand anderen verliebt. Somit heirateten sie mangels weiterer Auswahl und standen diese holprige Verbindung bis zum Tod gemeinsam durch.
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