Verena Mahlow


Verena Mahlow ist Autorin, Journalistin, Übersetzerin und Dolmetscherin. Sie hat einen Mag. art. sowie einen Dr. phil. in Germanistik, Amerikanistik und Romanistik. Sie lebte nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich, Italien, Spanien und den USA und pendelt inzwischen alle paar Monate von Mainz am Rhein nach Santa Fe, New Mexico.

Nach mehreren Ausflügen in akademische Elfenbeintürme veröffentlichte sie zahlreiche Drehbücher für TV-Filme, Kurzgeschichten und Sachliteratur sowie zwei Romane. Ihr Erstlingsroman »Ein Mann für den Dreizehnten« wurde mit dem 1. Preis des Lübbe-Frauenroman-Wettbewerbs ausgezeichnet. Ihr zweiter Roman, »Island of Dead Gods«, erschien bei Atmosphere Press in Austin, TX. Derzeit übersetzt sie diesen ins Deutsche und arbeitet an einem neuen Roman mit dem Arbeitstitel »Kriminalkontinent – We, the People«.

»Kriminalkontinent – We, the People«

1. Kapitel:

Noch während sie träumt, wundert Jule sich über ihren Traum. Wie tief zieht dieser Sog sie ins Dunkle? Warum pocht ihr Herzschlag aus aus aus? Lippen erscheinen ohne ein Gesicht dahinter und teilen sich. Perfekt gemeißelte Lippen, aufgeworfen wie die einer Renaissance-Statue. Die Zunge schlängelt sich vor, fließt über Marmorzähne, lang, glänzend. Jetzt sieht Jule, dass die Zunge an der Spitze von einem dicken goldenen Ring durchstoßen ist. Einer Art Halfterring. Einem perversen Ehering.

In dem Moment, als Jule das Wort Ehering vor sich sieht, holt eine Stimme sie in die Wirklichkeit zurück. »Der Käptn hat das Zeichen zum Anschnallen gegeben, wir befinden uns bereits im Anflug auf New York...«

Jetzt nicht, denkt Jule widerwillig, aber natürlich ist es zu spät. Schon ist sie wach und zurück im Grau. Der ganze Flug ist grau gewesen, nur bleierne Wolken. Der Mann auf dem Sitz neben ihr hat stundenlang geschwiegen wie ein dicker Fels und ausführlich einen Prospekt studiert, der Werbung für Handwaffen und Maschinengewehre machte. Während sie zwei Plastikfläschchen Chardonnay zum Plastiklunch getrunken hat, obwohl sie Chardonnay nicht mag. Kein Mensch muss ihr sagen, warum sie sich auf diesem Flug angetrunken und von einer Zunge geträumt hat, die ein perverser Ehering ziert. Laienpsychologie; Freud würde gähnen vor Langeweile.

Jule hat Schiss davor zu heiraten, das normalste Gefühl unter der Sonne. Während ihr Unterbewusstsein nach Abenteuern greint und der großen, weiten Welt.

In der sie doch gerade angekommen ist; Jule ruft sich zur Ordnung. Die Boeing rollt auf das Gate zu, alle Passagiere stehen gleichzeitig auf. Von hinten drückt ihr jemand seinen Carry-on-Koffer in die Kniekehlen, von rechts versucht sich ihr dicker Sitznachbar vorzudrängen, indem er mit dem Schusswaffen-Prospekt wedelt. Keiner beachtet ihn.

Und schließlich ist es soweit; Jule macht ihre ersten Schritte in den USA, J-F.-K-Airport, New York, the Promised Land.

Es folgen: Passkontrolle, Fingerabdrücke, Hände hoch und Scanning, Gepäckkontrolle. Eine Zollbeamtin tastet sie mit harten Handflächen ab, ein Kollege behandelt sie wie eine Illegale, breitet den Inhalt ihrer Handtasche zum Sezieren aus und schiebt das Tabakpäckchen der Frau zu, die allen Ernstes daran schnüffelt wie ein Drogenhund. Jule würde gern spöttisch lachen, doch ihr Anschlussflug nach Cleveland, Ohio, ist knapp terminiert. Vermutlich ist es ein Fehler, dass sie auf die Frage nach dem Grund ihres Besuches »Torschlusspanik« murmelt.

Der Zollbeamte harkt nach und entlockt Jule einen Boyfriend, der sein Misstrauen noch zu steigern scheint.

»Was haben Sie vor, in Cleveland, Ohio?«

Keine Ahnung, würde Jule den Kerl am liebsten anschreien. Oder das: dem Gras zusehen, wie es über mein Lotterleben wächst. Wissen zu wem ich gehöre, das Leben gemeinsam stemmen, erst älter, dann alt werden, Kiste zu, basta.

Jule hat ihren vierzigsten Geburtstag hinter sich und ist in der Krise angekommen. Rechts und links sind die Freunde von ihrem Leben abgesprungen wie Passagiere von einem sinkenden Schiff. Haben Bausparverträge angelegt, Eigenheime gekauft, Kinder bekommen, sind in Vororte gezogen oder aufs Land. Alle drei Mädels ihrer ehemaligen WG leben jetzt mit Männern zusammen, zwei tragen einen Ehering.

Nur Jule ist übrig geblieben, nicht mehr jung und noch nicht alt, wie heimatlos in der Wohnung, in der früher das Lachen aus vier Kehlen hallte und die Gläser gegeneinander knallten. »When the party ́s over... quiet when I ́m coming home, and I ́m on my own.« Jule kann sich Wort für Wort an den Billy Eilish- Song erinnern. Denn mit einem Mal war die Party over.

Es folgte ihr Umzug in ein seelenloses Ein-Zimmer-Appartement und zum Einstand ein neues Gefühl: Einsamkeit! Dann kam die Pandemie, worauf das Gefühl der Einsamkeit von der Gewissheit getoppt wurde: Sie war allein. Verdammt allein. Und ihre Fernbeziehung mit Gary, dem coolen Amerikaner, war plötzlich nicht mehr spannend, sondern schien aussichtslos, jedenfalls in den Augen offenbar aller in ihrem Umfeld. Was eben noch als abenteuerlustig und cool galt, hieß nun bindungsscheu und »ausgerechnet ein Ami«. Oder übrig geblieben. Und schürte in Jule so etwas wie Sehnsucht.

Gary, ihre einstige Kneipenbekanntschaft, der G.I. und spätere Sales-Manager in Cleveland, Ohio, fand auch, es sei an der Zeit. Verdammt überfällig, meinte er. Und kam plötzlich von dem Thema nicht mehr los, dass sie Ernst machen sollten. Nach all der Zeit, drängte er, müsse Jule sich entscheiden. »Come over and let ́s tie the knot«, sagte er am Telefon, was Jules Sprachzentrum automatisch als Übersetzung ausspuckte: Tie the Knot — den Knoten zubinden, sie einschnüren, fesseln.

»Lass uns erstmal zusammen wohnen und gucken, wie das hinhaut«, hat sie geantwortet.

Jule ist freie Übersetzerin, und übersetzen kann man heutzutage, dank der Elektronik, ja von überall auf der Welt. Sie spricht perfekt Englisch, und ihre Wohnung ließ sich mit Kusshand vermieten, was ihr entgegenkam, denn dank KI tröpfeln die Aufträge letztens eher spärlich. Und bei Gary kann sie umsonst wohnen.

Daher, wie ein Kapitän, der als Letzter von Bord geht, ging sie schließlich auch.

Der Zollbereich ist nun deutlich zweigeteilt: Auf einer Seite hauptsächlich Weiße, die den amerikanischen Einreisestandards genügen, auf der anderen People of Color aus verschiedenen Herkunftsländern. Ein Mann, auf dessen T-Shirt der Spruch »Charlie Kirk is my Hero« prangt, grinst feist, während ein schwarzer Priester im Talar die Fassung zu wahren versucht.

Als Jule den Zoll endlich hinter sich gelassen hat, ist das Flugzeug nach Cleveland bereits in der Luft. Gary wird voraussehbar am Flughafen stehen, mit Blumen, die schon die Köpfe senken. Sie muss sich umgehend nach dem nächsten Flug erkundigen! Aber erstmal setzt Jule sich hin. Ihr ist schwindelig, vom Flug, vom Wein, von was immer.

Als sie den Blick wieder hebt, sieht sie den Mann. Shark?

Rund sechsundzwanzig Jahre sind es her, dass Stan Sharkov als Austauschschüler in ihre Klasse kam. Shark mit den nur etwas aufgeworfenen Lippen, kein Vergleich zu denen in Jules Traum, über kräftigen Zähnen, unter denen sich seine Zunge vortastete, die ringlose Zunge, denkt Jule jetzt und muss grinsen. Sie sieht die Zunge vor sich, die sich in ihren Mund drängte für ihren allerersten Zungenkuss. Knapp vierzehn Jahre alt war sie da.

Das historische Ereignis fand auf einer Kellerparty statt, schmeckte nach verbotener Zigarette und Bier, und danach nannte Shark Jule sein Girlfriend. Und ihre Freundinnen beneideten sie, denn damals scherte man in Bildungsdeutschland noch keine dreihundertvierzig Millionen Amerikaner über einen Trumpschen Kamm. Amerika galt als cool, Jule war plötzlich cool, Abenteuer lockten, die weite Welt.

»Shark«, sagt sie angesichts des Mannes, der wie motorisiert durch die Ankunftshalle gefegt kommt. Jetzt befindet er sich neben Jule. Er schaut sich um, wie gehetzt, als sei er zu spät dran, jemanden abzuholen ...

»Shark?«

Er stoppt, drosselt den Motor, sieht sie an, starrt sie an, zögert. »Ich bin ́s. Jule.« Sie lächelt, und das reicht, um ihn den entscheidenden Schritt machen zu lassen. Seine Arme öffnen sich und schon klebt Jules Wange an dem rauen Jackenstoff.

Bist du verrückt geworden, fragt etwas in ihr schockiert. Was zum Teufel? Wer ist dieser Kerl? Verdammt, stoß ihn weg...

Stattdessen hebt Jule den Kopf. Jetzt berührt der Wollschal ihr Kinn, darüber Sharks Mund. Der kommt auf sie zu, legt sich auf ihren und küsst sie. Hart und ausführlich, genauso wie man geküsst werden will, wenn man ein Vierteljahrhundert darauf gewartet hat, ohne es zu wissen.

Das Wort »Gary« attackiert Jule wie der Stich einer Mücke, die sie in Gedanken sofort tot klatscht.

Gefühlte Ewigkeiten später macht sie ein Auge auf, schielt an Sharks Wange vorbei und registriert, dass die zwei Männer, die aus zwei verschiedenen Türen kurz hinter ihm ins Flughafengebäude gerannt kamen und sich in der Mitte trafen, nicht mehr zu sehen sind. Zwei Männer mit unter Covid-Masken versteckten Gesichtern, in grauen Anzügen, mit dezenten Knöpfen im Ohr und Phones in der Hand. Zwei Männer, die jemanden suchten.

Jule macht einen Schritt zurück, um den besten Küsser der Welt zu betrachten, der jetzt ein bisschen verlegen guckt.

»Welcome, Dear« sagt er, »willkommen im Land der verdammt begrenzten Möglichkeiten.«

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