Wie kommt ein Autor am besten zu einem Verlag?
Am wenigsten erfolgversprechend ist es, das Manuskript breit rumzuschicken. Die Verlage kriegen jeden Tag dutzende unverlangt eingesandte Manuskripte, und ich muss etwa zwanzig Titel im Jahr sowieso schon betreuen. Ich kann gar nicht jeden Tag fünf Manuskripte lesen. Ich muss die Titel lektorieren, redigieren, und ich habe um jedes Buch herum zig Vorgänge. Ich bin der Knotenpunkt für alle Vorgänge, die um ein Buch herum stattfinden – vom Umschlag bis zum Klappentext, von der Herstellung bis zur Werbung. Jeder, der irgendwas mit dem Buch zu tun hat, wendet sich an mich. Und der Autor oder die Autorin wendet sich auch immer an mich. Das heißt, mein Alltag ist in hohem Maße geprägt von organisatorischen Abläufen, und weniger vom Lesen von Manuskripten. Dafür gibt es andere Kanäle, etwa die Agenturen. Und die Autoren sind untereinander vernetzt, bekommen Sachen zugeschickt, geben manchmal Seminare. Und dann fahre ich jedes Jahr zum Bachmannwettbewerb nach Klagenfurt. Ich bin beim Open Mike in Berlin. Ich lese tatsächlich Literaturzeitschriften und bin auf einen meiner Autoren durch einen Text in einer Zeitschrift gekommen. Ich bin auch schon in Seminaren, die ich geleitet habe, auf Autoren gestoßen. Es gibt vielfältigste Wege, auf denen mich Manuskripte erreichen, aber meistens gibt es irgendeinen Vermittlungsweg, bei dem es schon eine Vorauswahl gegeben hat. Neulich rief mich Wilhelm Genazino an und empfahl mir eine Kollegin, die bei den Verlagen nicht weiterkommt. Und dann schau ich da mal rein. So läuft das.
Die unverlangt eingesandten Manuskripte werden gar nicht angeschaut?
Die werden, sagen wir mal, in einem relativ großen Zeitraum einmal durchgesehen, auch von mir, aber nicht nur von mir allein. Da schaut dann auch die Assistentin oder Volontärin mit rein.
Und wird dann auch der Text gelesen oder nur das Exposé?
Beides. Erst das Exposé, dann der Text. Aber man kann nicht zweihundert Seiten durchlesen, kein Mensch kann das. Die Verlage sind personell nicht entsprechend besetzt, weil das ein Metier ist, das nicht die Umsätze abwirft. Die meisten Verlage haben eine so genannte Mischkalkulation, das heißt, stärker kommerzielle Bücher finanzieren eher nichtkommerzielle Bücher mit. Es gibt ja auch Verlage, die machen überhaupt keine anspruchsvolle Literatur, sondern nur kommerzielle Titel.
Wie muss so ein Exposé beschaffen sein, damit es Neugier weckt?
Es gibt sicher kein Standardexposé, das für alle zutrifft. Ein Exposé sollte prägnant sein, nicht zu lang, und es sollte keinerlei Wertungen enthalten. Wertungen nimmt der jeweilige Leser vor, nicht der Autor. Man liest als Lektor im Wesentlichen ein Exposé, um sich zu orientieren, um zu wissen, wo das spielt, worum es geht, wer die wichtigsten Figuren sind und um was für eine Geschichte es sich handelt. Wenn jemand aus vier verschiedenen Perspektiven erzählt, muss ich das natürlich wissen, wenn ich eine besondere stilistische Tonlage habe, wenn ich eine besondere Perspektive benutze, wenn mein Text irgendwie anders ist als ein konventioneller, dann muss ich das im Exposé sagen, damit der Leser vorgewarnt ist und weiß, was da auf ihn zukommt. Und das alles möglichst als Normseiten verfasst, also 30 Zeilen à 60 Anschläge, man sollte kein Augenpulver abliefern, wo man, wenn man oben an der Seite anfängt, nach zwei Wochen unten angekommen ist. Da ist man schon entmutigt, wenn man das in der Hand hat. Man sollte das augenfreundlich gestalten, denn Lektoren lesen tagein tagaus. Ein Exposé muss neugierig machen auf den Text und es muss denjenigen, der das liest, orientieren können. Manchmal ist es hilfreich zu schauen, ob es vergleichbare Bücher gibt. Das verrät eine gewisse Professionalität, denn zum Schreiben gehört einfach auch ganz viel Lesen.
Aber kann das nicht auch nach hinten losgehen, wenn man sich mit Thomas Bernhard oder Robert Musil vergleicht?
Klar, man sollte sich überlegen, mit wem man sich vergleicht. Ich meine das mehr in Richtung eines vergleichbaren Textes, gerade wenn man in den Genrebereich geht. Oder man sagt: Ein wichtiger Einfluss auf mein Schreiben war der und der. Das kann schon mal helfen.
02.10.2020