Petra Lowe

»Sag es niemandem«



Petra Lowe, geboren in Leipzig, studierte Philosophie in Jena und arbeitet als Journalistin. Ihre Leidenschaft gilt dem Ergründen von Unbekanntem, unserer Geschichte und der Verfasstheit der Menschen. Sie lebt mit ihrem Mann im Altenburger Land.

»Sag es niemandem«


Ein Generationenroman über das Vererben von Schuld, das Ringen um Identität und die Kraft dreier Frauen zu einem Neuanfang.

1938, Wende, Gegenwart



Leseprobe


Kapitel 1

„Halt’s Maul, sonst spritz’ ich dich ab.“ Siechenwein hatte es in Friedas Ohr geflüstert. Die Worte schlichen wie Schatten aus dem Schlund, der seine Lippen umgab. Sein Atem schwer von Tabak. Die Erinnerung daran hing in ihrer Nase fest. „Ich finde dich!“, hatte er ihr im Weggehen zugerufen. Das Gesagte hallte zwischen den grauen, verschmutzten Holzbaracken nach. Sein schiefes Lächeln, das die gelblich verfärbten Zähne entblößte, brannte sich in ihre Netzhaut ein. Frieda hatte überlebt, war ihm und allen Teufeln entkommen. Niemals wieder würde seine Hand ihren geschundenen Körper anfassen. Sie würde nicht mehr stumm hinnehmen, was er ihr antat. Das hatte sie sich geschworen. Er war vorausgegangen. Sie würde nicht in der Hölle zurückbleiben und im Schutz der Buchen ihren Weg hinaus ins Freie finden.

Frieda erblickte das Foto im Vorbeigehen. Es prangte in der Auslage des Zeitungskastens vor dem Supermarkt. Ein Augenaufschlag genügte. Sie hielt inne, kehrte zurück und vergewisserte sich, dass sie sich nicht irrte. Sie stützte sich auf die Box. Das Gesicht, er ist es. Er muss es sein, flüsterte sie. Ihr Herz pochte wie ein Trommelfeuer. Mit zitternden Händen suchte sie in der Einkaufstasche nach ihrem Portemonnaie, fand es und ergriff zwei Euro. Sie steckte die Münze in den Schlitz des Zeitungsständers. Die Luke öffnete sich mit einem metallischen Klacken. Sie zog die Zeitung heraus und hielt das Foto dicht vor ihre Augen. Das rundliche Gesicht war ihr vertraut, das Grübchen unter dem Mund, der sich zu einem angestrengten Lächeln formte, und die stechend blaue Iris. Wohlgenährt, schwarzhaarig, selbstgefällig. Sie las. Der Mann auf dem Foto hieß Frank Siechenwein, nicht Kurt. Frank Siechenwein, gut. Er konnte es ja auch nicht sein. Die Sache mit ihm war lange her. Niemals hatte sie jemandem von ihm erzählt. Sie war weit gelaufen, den eisigen Hauch der Angst im Nacken. Erst in dieser Stadt hatte sie angehalten, um Ruhe und Schutz zu finden. Nachts träumte sie von ihm, schrie seinen Namen: „Siechenwein. Siechenwein. Siechenwein.“ Frieda holte tief Luft. Mit Wucht stieß sie den Atem aus, sich ihrer Erinnerungen zu entledigen. Was, wenn er sie gefunden hatte? Wenn das Foto kein Zufall war? Verstohlen sah sie sich um. Zwei Bauarbeiter lehnten an der Wand. Spatzen zankten sich um ein weggeworfenes Brötchen. Zwei Jungen rannten lachend an ihr vorbei. Alle waren beschäftigt. Keiner bemerkte Friedas Erregung. Eine alte Frau war unsichtbar. Ihre Augen starrten auf das Foto. Sucht er mich?, fragte sie sich. Warum jetzt, nach all den Jahren? Frieda taumelte. Der Boden unter ihr schien nachzugeben. Der Zeitungskasten hielt sie nicht mehr. In Zeitlupe sank sie auf die Betonplatten. Zuerst die Hüfte, die linke Schulter. Der Wohnungsschlüssel fiel aus der Tasche. Portemonnaie und Taschentücher flogen im Bogen in eine Pfütze. Sie umklammerte die Zeitung wie einen Schatz, den sie nicht verlieren durfte. Mit einem dumpfen Geräusch landete ihr Kopf auf dem Boden. Ihr vogelnestgroßer Dutt löste sich auf, wie der Gleichmut der Menschen um sie herum. Die Rufe der Heraneilenden hörte sie nicht mehr.

Kapitel 2

Bei den ersten Klängen des Synthesizers entspannten sich Lottes Gesichtszüge. Sie war vertieft in ihren Zeitungsartikel, ihre Finger flogen über die Tastatur. Sie lehnte sich zurück und sang kaum hörbar vor sich hin: „Ashes to Ashes and Funk to Funky.“ Vor ihrem inneren Auge erschien David Bowie. Wie beim Pawlowschen Hund; die Musik setzt ein und ich sabbere vor Freude, dachte sie und lachte in sich hinein. Das Handy hatte den Song wie durch ein Metallrohr in ihr Ohr gespült.

„Hallo, hier ist Mutter. Gut, dass ich dich erreiche.“ Ingrid klang besorgt. „Großmutter liegt im Krankenhaus. Sie ist vor dem Supermarkt gestürzt. Kommst du?“ „Hingefallen?“ Lottes Herz schlug heftiger. „Hat sie sich schwer verletzt?“ „Ich denke nicht. Der Arzt ist nachher da. Warten wir es ab.“ „Ich fahre gleich los.“ Lotte ließ das Handy in ihre Tasche gleiten, speicherte das Geschriebene am Computer und griff nach ihrem Mantel. Rasch winkte sie ihren Kolleginnen zu und eilte zur Tür. Im Innenhof stand ihr Auto. Ein Lächeln für den Pförtner. Sie fuhr hinaus. Das grelle Sonnenlicht blendete. An der Galopprennbahn im Scheibenholz erreichte sie die Bundesstraße. Die herrschaftlichen Häuser der Stadt verschwanden hinter mächtigen Baumgruppen. Das Grün schien die Straßenführung zu beherrschen. Eine Illusion, denn in den kommenden Jahren würde eine vierspurige Autobahn die Messestadt mit anderen Orten der Wirtschaftswelt verbinden. Die von Natur umgebene Straße würde verschwinden. Die Tür zur Unfallchirurgie öffnete sich auf Knopfdruck. Ein stechender Geruch von Desinfektionsmitteln schlug ihr entgegen. Ingrid sprach mit einem Arzt und gab Lotte ein Zeichen auf das Zimmer gegenüber. Lotte nickte und ging an ihnen vorbei. Großmutter lag im Bett, verletzlich und verloren. Ihr Gesicht war bleich, von blauen Flecken überzogen. Frieda blinzelte. Es fiel ihr schwer, die Augen offenzuhalten. Ihre von der Arthrose verformten Finger zitterten in ihrem Schoß. „Was machst du nur für Sachen?“ Lotte drückte einen Kuss auf ihre Stirn, setzte sich und umschloss Friedas Hand.

„Wie bin ich hierhergekommen? War doch nur in der Kaufhalle“, murmelte Frieda. Ihre Enkelin seufzte. „Supermarkt, Großmutter.“ Ingrid trat ein, ihr süß-holziger Duft eroberte den Raum. „Sie ist gestürzt und war bewusstlos. Eine Frau hat den Krankenwagen gerufen. Sie bleibt zur Überwachung bis morgen hier.“ Lottes Mutter sprach ruhig und stellte sich auf die andere Seite des Bettes. „Sie hat eine leichte Gehirnerschütterung. Altersbedingte Ausfallerscheinungen schließt der Arzt vorerst aus“, sagte Ingrid und glättete mit einer Hand die Bettdecke. „Übrigens, guten Tag, Charlotte.“ „Ich hatte schon gegrüßt.“ Lotte schaute ihre Mutter grimmig an. „Sag lieber, was es mit diesen sogenannten Ausfallerscheinungen auf sich hat.“ Ihre Nasenflügel blähten sich auf. „Denkst du, sie ist dement? Hat der Arzt das behauptet? Großmutter ist höchstens etwas schrullig.“ Ingrid überhörte den Kommentar ihrer Tochter. „Warum bist du losgegangen, Mutter? Ich bringe dir doch, was du brauchst.“ „Diese Unruhe. Ich musste los. Warum? Weiß nicht.“ Frieda runzelte die Stirn und spielte mit der Naht des Bettbezugs. Sie vermied es, ihre Tochter anzusehen. „Immer drinnen hocken, da kann ich gleich abtreten. Tür zu, Deckel drauf“, flüsterte sie. „Sag doch so etwas nicht.“ Ingrid rollte die Augen und schlenderte zum Fenster. Ihre Pumps klackten auf dem Vinylboden. Das kurz geschnittene, blond gefärbte Haar umrahmte ihr Gesicht wie ein Helm. Die Bluse schimmerte im hereinfallenden Licht, die Verschlüsse glänzten wie Kronenknöpfe. Ein Feldwebel in Uniform war der erste Vergleich, der Lotte einfiel. Ingrid warf ihrer Tochter einen kurzen Blick zu, als lese sie deren Gedanken. Sie sah durch das Fenster. Die Sonne verlieh der Krankenhauslandschaft einen Hauch von Freundlichkeit. Eine Baumgruppe verdeckte den Zaun, dahinter ein Wohngebiet. Drei Stockwerke hohe Häuser, aneinandergereiht wie eine Festung, in der jeder Fremde sofort identifiziert und hinter den Gardinen der Fenster verfolgt werden kann. In dieser Kleinstadt war sie aufgewachsen und kannte die Engstirnigkeit der Menschen, ihre Angst vor dem Unbekannten, Neuen. Nach der Ausbildung hatte sie gejubelt über eine Stelle in Leipzig. Dort erschien ihr alles größer, schöner und offener. Dass dem nicht so war, erkannte sie erst später. Sie wandte sich um und sah ihre Mutter an. Ingrid konnte sich nicht erinnern, sie je hilflos gesehen zu haben. Frieda war stark und hart im Nehmen. Nie ein Wort des Jammerns, kein Bedauern. Der Anblick verunsicherte sie. Ihre Augen wanderten von ihrer Mutter zu ihrer Tochter, zur Tür, zum Fenster. Ein Hin und Her. Sie erschien wie eine Reisende, die den Anschlussflug sucht. Niemand hätte in ihr ein Mitglied der Familie vermutet.

Lotte beobachtete Ingrid und zog die Augenbrauen zusammen. Am liebsten hätte sie sich übergeben, um die Erinnerung an das gestrige Abendessen aus dem Magen zu speien. Sie war bei ihrer Mutter auf Granit gestoßen. Die Frage nach ihrem Vater blieb unbeantwortet. Die erneute Zurückweisung brachte das Fass zum Überlaufen. Lotte war davongerannt. Nun saß sie am Krankenbett ihrer Großmutter und schluckte jede weitere Frage um ihretwillen herunter. In ihrem Schoß ballte sie die Fäuste. Es ist ihr scheißegal, was in mir vorgeht, dachte Lotte. Die bloße Anwesenheit ihrer Mutter nährte ihre Verbitterung. „Kommst du morgen früh und bringst mich nach Hause, Kleines?“ Frieda unterbrach die Gedankenstille. „Sie haben alles untersucht. Mehr wird nicht. Da lieg ich lieber auf dem Sofa.“ Ingrid trat näher, ihre Augen fixierten ihre Mutter. „Und wenn es schlechter wird?“ „Dann rufe ich den Notarzt an. Die Nachbarin ist auch noch da. Ich kann klingeln.“ Ingrid ging zum Fußende des Bettes und legte die Hand auf die Decke, die Friedas Beine wärmte. „Komm mit zu mir. Dort hättest du es bequemer. Und wärst nicht allein. Lotte ist in der Redaktion, sie hat keine Zeit.“ Sie hungerte nach Nähe. Doch die gab es nicht.

Solange sie sich erinnerte, war ihre Mutter kaltherzig und unnahbar. Lange schob sie den Grund dafür auf mögliche Erlebnisse im Krieg oder ihr schweres Leben auf sich gestellt mit der Verantwortung für sie, dem einzigen Kind. Den Irrtum erkannte sie mit der Geburt Lottes. Das Herz ihrer Mutter taute auf. Beide waren vertraut und glücklich miteinander. Die Erkenntnis schmerzte mehr als die Ablehnung. Es signalisierte Ingrid, dass sie persönlich gemeint war. Warum, wusste sie nicht. Die Frage zu stellen, wagte sie nicht. Sie blieb ein Zaungast, während die Beziehung der beiden fester zusammenwuchs.

Seit einigen Jahren schloss auch Lotte Ingrid aus ihrem Leben aus. Zwischen den Besuchen vergrößerten sich die Zeitabstände. Ihre Tochter war streitsüchtig. Auf brennenden Kohlen manövrierte sich Ingrid durch jede Begegnung. Sie war hilflos. „Ich gebe keine Ruhe“, hatte Lotte ihr über den Tisch entgegengeschrien. „Ich muss wissen, wer mein Vater ist. Deine Sturheit zerstört die Familie. Ist dir das nicht klar?“ „Die Familie?“ Ingrid hatte schrill gelacht. „Ich schütze vor allem dich.“ „Du brauchst mich nicht zu beschützen. Ich verkrafte das.“ „Du verstehst es nicht. Es wäre eine Büchse der Pandora. Es bringt nichts Gutes, bitte, glaube mir.“ Lotte tat es nicht. Sie ahnte, dass die Wahrheit schmerzhaft sein könnte. Was ist die Alternative? Besser, ihr die quälende Ungewissheit zu nehmen, als sie in der Dunkelheit herumirren zu lassen. Das Geheimnis brachte ihre Beziehung an einen Tiefpunkt. Alles ans Licht zu bringen, war der einzige Weg aus dem Familienkonflikt. Daran bestand kein Zweifel. Ingrid wagte einen letzten Versuch. „In Leipzig könnten wir bummeln, in den Park, ins Gewandhaus oder Kino, wenn du dich besser fühlst. Was meinst du?“ Frieda sah ihre Tochter lange an. „Danke für deine Einladung, das wären zu viele Umstände.“ Ingrids Lächeln erfror. Sie holte tief Luft. „Gut“, sagte sie kaum vernehmlich, griff nach ihrer Handtasche auf dem Stuhl und legte die Strickjacke über ihre Schultern. Zu Lotte und Frieda blickend, hielt sie kurz inne, fand jedoch kein Wort. Sie ging zu ihrer Mutter, gab ihr einen Kuss auf die Wange und streckte ihrer Tochter, auf der anderen Seite des Bettes, die Hand entgegen. Gesenkten Blickes verließ Ingrid den Raum. Ein kurzes Nicken zum Abschied. Lotte stand auf, um das Kopfkissen hinter ihrer Großmutter zu richten. „Ist es besser so?“ Ein kraftloses Lächeln. „Danke, es ist gut.“ Frieda fühlte sich mit der Anwesenheit ihrer eigenen Tochter unwohl. Nicht, dass sie sich darüber freute, dass Ingrid gegangen war. Freude ist ein zu großes Wort. Aber von jeher lastete das Dasein dieses Kindes schwer auf ihr. Sie erinnerte Frieda an vergangenes Leid. An etwas, das sie verzweifelt zu vergessen suchte. Sie war ungewollt gezeugt und eine Last in ihrem Leben. Das war so und würde so bleiben. Sie schloss die Augen für den erhofften ruhigen Schlaf.

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