Eva Engels

»Die Umarmung«


Eva Engels lebt in Berlin und Bayern. Sie veröffentlicht Kurzgeschichten und hat ihren Debutroman »Die Umarmung« fertiggestellt. In Berlin hat sie 2025 die Lesebühne »Text&Brot« ins Leben gerufen. Auf ihr Studium der Politologie und ihrer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule München folgten verschiedenste Stationen im Literaturbetrieb. Darüber hinaus arbeitet sie als Bildende Künstlerin und hat langjährige Bühnenerfahrung als Singersongwriterin und Bassistin.

»Die Umarmung«


Roman

Als ihre Mutter stürzt und nicht mehr alleine leben kann, übernimmt Tochter Ines die Pflege. Die Beziehung ist kühl. Die Mutter verweigert sich allem, was von der Tochter kommt, und kämpft wütend um ihre Selbstbestimmung. Ines versucht, zwischen Wut und Mitleid, Kindespflicht und Freiheitsbedürfnis den richtigen Weg zu finden. Der Roman behandelt ein schweres Thema in leichtem Ton: klug, unbarmherzig ehrlich und dabei voller zarter Komik.

Fürsorge, Pflege, Vergänglichkeit


»3 Fragen an ...«

… Eva Engels

Was hat dich zum Schreiben von »Die Umarmung« inspiriert?
 
Ich erinnere mich an eine Situation im Warteraum meiner Ärztin. Ich hörte zu, wie eine Patientin auf die Frage, wie es ihr ginge, sagte: nicht gut, sie pflege ihre Mutter, das Verhältnis sei noch nie gut gewesen, es sei schwer, sehr schwer. Die Ärztin nickte. Die älteren Frauen im Warteraum sahen sich mit wissendem Gesichtsausdruck an.
Das war alles. Aber für mich gab es den Auftakt, mich mit dem Thema Pflege und Gender Care Gap, Mütter und Töchter zu beschäftigen. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Verantwortlichkeit der Frauen für die Pflege ihrer Angehörigen hingenommen wird. Das Verschweigen der zwiespältigen Gefühle zwischen Kindespflicht und Freiheitsbedürfnis, die viele pflegende Töchter mit sich selbst ausmachen. In »Die Umarmung« bin ich der Frage nachgegangen, was das für unsere Menschlichkeit bedeutet.
 
Was war für dich im Schreibprozess die größte Herausforderung?

Dies ist mein erster Roman, meine erste Erfahrung mit dem Langstreckenschreiben. Meine größte Hürde bestand wohl darin, meinen Schreibprozess zu erkennen und mich ihm vertrauensvoll zu überlassen. Mein Prozess, das weiß ich heute, will keinen Plot, solange ich mehr Fragen an den Stoff habe als Antworten; Szenen, Dialoge, Reflexionen, die die Figuren durchleben, stehen am Anfang, und erst dann beginnt sich der Spannungsbogen abzuzeichnen. Der Auseinandersetzung damit verdanke ich mehr Einsichten – literarischer wie persönlicher Art -, als ich je erhofft hatte.
 
An welchen Punkten konnten dich die Angebote der Textmanufaktur dabei unterstützen?

Die Textmanufaktur hat mir mehr als nur das unabdingbare handwerkliche Wissen vermittelt: Ich bedanke mich bei Thomas Podhostnik, dessen Seminar zum Selbstlektorat mir gezeigt hat, wie mein Schreibprozess funktionieren kann, und bei Martin Hielscher, der mir mit seiner unerschöpflichen Erfahrung als Lektor den Weg dahin gewiesen hat, wo das berühmte Herz der Geschichte schlägt.


Leseprobe


M. öffnete und lugte durch den Spalt. Da stand sie hinter ihrem Rollator, sagte nichts, tat nichts, vielleicht schätzte sie mich ab. Ob ich zugenommen hatte. Was ich anhatte. Ich drückte die Tür auf und trat ein, an M. vorbei, die keinen Zentimeter zur Seite wich. Als nächstes hätte meiner Vorstellung nach eine Umarmung stattfinden müssen, also ging ich auf sie zu und breitete meine Arme aus.

M. rührte sich nicht. Sie kam mir kleiner vor als früher, unter der Strickjacke stießen meine Finger auf spitze Rückenwirbel. Aber die Jacke fühlte sich weich an, rote Wolle mit glänzenden goldenen Knöpfen, passend zur Vorweihnachtszeit. So standen wir eine Weile, ich gebückt, sie reglos. Bisher hatten wir kein Wort gewechselt. Während mein Kinn auf ihrer Schulter lag, fragte ich mich wieder einmal, wieso ich so unbelehrbar auf Tuchfühlung bestand mit einer Frau, die stolz darauf war, nicht zärtlich zu sein. Ich hielt noch ein paar Sekunden durch, bevor ich sie losließ.

»Hier steht ja schon wieder alles voll«, sagte M. Ich räumte den Rollkoffer, den ich im Flur abgestellt hatte, ins Gästezimmer. »Und sag mal«, fragte sie, »möchtest du Wein oder Bier? Nachdem du deinen Besuch angekündigt hattest, habe ich extra für dich etwas besorgen lassen. Ich hab’ ja nichts im Haus.«

Sie nannte mich nicht beim Namen. So wie ich das Wort Mutter nicht über die Lippen brachte. In Gedanken nannte ich sie »M.«. Nach der Geheimdienstchefin von James Bond. »Super«, sagte ich.


Die Hose

Vorgestern hatte mich Nachbarin Renate angerufen. M. habe den Herd angelassen und fast das Haus abgebrannt. Renate habe Qualm gesehen, der auf die Terrasse drang und meine Mutter gefunden, die in der Küche auf dem Kachelboden lag, neben ihr ein Besen. Damit hatte sie versucht, den Rauchmelder an der Decke zu erreichen, um den betäubenden Alarmton auszuschalten. Über dem Herd sei stinkender schwarzer Rauch aufgestiegen. In dem Lärm habe sie nicht gewusst, was zu tun sei, sagte Renate, und Wasser über die glühende Pfanne geschüttet. Es habe fürchterlich gezischt und gespritzt. Dann habe sie mit dem Besen den Alarmton abgestellt und M. aufgeholfen. Den gesamten Rest des Nachmittags sei sie damit beschäftigt gewesen, trockene Kleidung für M. herauszusuchen, Herd, Küchenplatte und Spüle von schmierigen schwarzen Ablagerungen und breiigen Essensresten zu befreien und den Boden trockenzuwischen. Sie habe deswegen einen wichtigen Arzttermin mit ihrer eigenen Mutter versäumt, und die Pfanne könne man wegwerfen.

Während ich das Handy an mein Ohr gepresst hielt, wartete ich auf Lücken in Renates Redefluss, um angemessene Zwischenrufe einzuwerfen (»Oh«, »Oh nein!«, »das tut mir so leid«, »vielen, vielen Dank!«), um ihr das Gefühl zu geben, dass ich ein verantwortungsvoller und pflichtbewusster Mensch sei. Aber je länger sie redete, desto deutlicher erkannte ich, dass sie es für nötig und sich für berechtigt hielt, mir ins Gewissen zu reden. Ich verstand gut, was Renate mir sagen wollte: Dass es nicht Aufgabe der Nachbarn sein könne, sich um meine Mutter zu kümmern. Mir wurde heiß. Die Schlinge zog sich zu. Renate ist die Art von Tochter, die mit ihrer Mutter unter einem Dach lebt und sie seit Jahren pflegt. Während ich die Art Tochter bin, die so früh wie möglich das Weite suchte, die weder zu Weihnachten noch zu Ostern und irgendwann gar nicht mehr kam. Bis das mit den Stürzen losging.

M. schob sich mit dem Rollator durch den Flur, ins Wohnzimmer, zum Sofa. Der Fernseher lief in dröhnender Lautstärke. Auf dem Couchtisch lag ein Bleistift. Ich hatte den Eindruck, dass er vibrierte. Sie stützte sich an der wulstigen Rückenlehne ab, setzte tastend einen Fuß vor den anderen und ließ sich auf das braune Lederpolster sinken. Ein Gebilde, geformt wie eine Wagenburg, das den Raum beherrschte. Ich holte mir ein Bier, setzte mich neben M. und beobachtete das Theaterstück, das sich zwischen uns abzuspielen begann. Ein uraltes Stück in unendlicher Wiederholung. Wie sehr ich auch daran gearbeitet hatte, zumindest meinen Part umzuschreiben, so blieb M.s Text doch in Stein gemeißelt, Satz für Satz, immer gleich und immer wieder. Ich machte mich bereit.

»Und wie lange ist es dir möglich, zu bleiben?«, fragte M. in einem Ton, als sei sie auf alles vorbereitet, und käme es noch so hart. Drei Tage mit ihr gingen bereits über meine Kräfte, aber ich antwortete, mehr als vier Tage ginge nicht, ich hätte einen neuen Auftrag. »Pff«, machte sie. Ein kurzer Laut, der durch kräftiges Luftausstoßen mit gewölbter Oberlippe und heruntergezogenen Mundwinkeln zustande kam und unterschiedliche Grade an Missfallen ausdrücken konnte. Mir schien, dass dieses »Pff« einen Schuss Verachtung enthielt. Wir saßen einen Moment in Stille. Dann sagte sie, ohne mich anzusehen, sie habe Renate sowieso schon gefragt, die mache das gerne, das sei so ein gutes Kind. »Was macht Renate gerne?«, fragte ich alarmiert. Ihr eine neue Hose besorgen, sagte M., ob ich das vergessen hätte? Deswegen habe sie mich doch gebeten, zu kommen. Das hätte ich ihr versprochen. Vier Tage würden dafür nicht reichen.

Ich nahm ihr iPad, versuchte, die klebrigen Flecken auf der Tastatur zu ignorieren, googelte und zeigte M. eine Schlupfhose, die man bei Charlene, einer Fashion Marke für Silver Ager, bestellen konnte. Die Hose hatte weit geschnittene Beine, so dass sie sie ohne Anstrengung über ihre geschwollenen Waden hätte streifen können, und eine Kordel zum Zubinden statt Reißverschlüssen und Knöpfen. M. warf einen Blick auf das Foto mit der Schlupfhose und lachte, wie man über etwas vollkommen Abwegiges lacht. Erwartete ich etwa, dass sie sich endgültig aufgab?

Ich saß zu nah neben ihr und bemühte mich um den Unschärfeblick. Ich wollte den Schorf auf ihrer Nase nicht sehen. Ich wollte die mit Vanillepudding verklebten Finger nicht sehen. Ich wollte die Quarkreste auf dem Handy nicht sehen. Als sie ihre Füße in den Sandalen bewegte, schaltete ich den unscharfen Blick zu zögerlich ein und musste das Bild der Zerstörung in mich aufnehmen, die mit ihren Fußnägeln vor sich ging. Ich stellte das Glas ab und spürte, dass ihr Blick auf mir lag.

»Du hast da was am Mund. Ein langes schwarzes Haar.« Sie zwinkerte mir zu, mit dem konspirativen Blick, den dir eine gute Freundin zuwirft, wenn sie eine Laufmasche in deiner Strumpfhose entdeckt hat und dich vor Peinlichkeiten bewahren will. Ich stand auf, um im Vergrößerungsspiegel nachzusehen. Es würde nichts werden mit einer Bestellung bei Charlene. Es würde keine praktische Hose geben. Ihre steifen Finger würden sich weiterhin mit Hosenknöpfen abquälen, sie würde stöhnen und Erschöpfungspausen einlegen, zwanzig, dreißig Minuten lang. Und ich würde die Tochter bleiben, die ihrer alten Mutter keine gute Hose besorgte. Eine Tochter, die den Renates dieser Welt die Verantwortung zuschob und die eigene Mutter alleine verrotten ließ. Tatsächlich war da ein Haar über meinem Mundwinkel. Ich nahm die Nagelschere und schnitt es ab. Ihre Augen waren besser als meine.


Der Nerz

Als ich zurückkam, war sie eingenickt. Ich legte eine Hand auf ihren Arm, sie schreckte auf. Ihr Gesicht war ein einziges Entsetzen, mit aufgerissenen Augen starrte sie mich an: Wer ist diese Fremde, wie ist die in ihr Haus gekommen, was will die? Aber das dauerte nur wenige Sekunden, der Moment des Erkennens setzte ein, – ach, du bist es – und vor die Angst in ihren Augen schob sich wieder dieses andere – dieses Befremdete, Fremdelnde –, das mir mein Leben lang ein Rätsel geblieben ist, ein Rätsel, dessen Unlösbarkeit ich schon seit langer Zeit nicht mehr in Frage stellte. Ich holte mir noch ein Bier und öffnete die Flasche. Sie machte »Pff.«

Sie hatte sich das alte Nerzfell über den Schoß gebreitet, die feinen, seidigen Härchen glänzten noch immer tiefschwarz. Der Nerz. Ich sah sie vor mir, meine junge Mutter, wie sie sich in ihrem neuen Mantel vor dem großen Spiegel im Flur hin- und herdrehte. Marcel und ich hatten hinter ihr gestanden und uns selbst gesehen, unsere bewundernden Blicke in ihrem Abglanz. Wir versanken und verschwanden in etwas märchenhaft Zeitlosem. Unsere Mutter: jung und schön, denn sie besaß einen Nerz, so wie die Schauspielerinnen der jungen Bundesrepublik, Frauen, die Elke Sommer hießen oder Hedda Hopper. Und unser Vater: ein König, denn er fuhr einen Mercedes.

Sie hatten den Mantel bei einem Nachbarn gekauft, der gerade erst den Sprung in die Selbstständigkeit als Pelzhändler gewagt hatte, als der Pelzmarkt zusammenbrach. Ich erinnerte mich gut an ihn, an seine gerötete Haut, als er an einem Sonntagnachmittag auf unserer Terrasse saß. Ich kauerte unbemerkt auf dem Rasen und beobachtete die Erwachsenen, die rund um den weiß lackierten Terrassentisch im Kreis saßen, redeten und tranken und lachten und immer lauter wurden. Der Pelzhändlernachbar stellte sein Glas auf dem Tisch ab, die Flüssigkeit schwappte über. Ich saß hinter ihm und sah seine roten Ohren, die schwarzen Bügel der eckigen Brille, das Gekräusel der Koteletten an den Wangen. Er sei verraten worden, rief er, von den Linken, den Schreiberlingen, den Tierschützern, vor allem von Willy Brandt. Ob jemand den Slogan dieser sogenannten Tierschützer kenne?, rief er. Man brauche vierzig blöde Tiere, um einen Nerzmantel zu machen, aber nur eines, um ihn zu tragen! – sowas schrieben die in ihren Schmierblättern. Die anderen zeigten ihm mit Ausrufen der Empörung, dass sie auf seiner Seite waren. Als ich die Augen zusammenkniff, verschmolzen sie zu einem einzigen Wesen, einem unbegreiflichen Ganzen, da sie sich so einig zu sein schienen. Aber da war noch etwas anderes, das ich nicht verstand, etwas, das niemandem auffiel – immerhin trugen Elke Sommer oder Hedda Hopper und meine schöne Mutter einen Nerz. Nicht lange danach hatte der Nachbar sein Haus verkaufen müssen. Und M. hatte den Mantel, der in wenigen Jahren vom Symbol erfolgreich kapitalisierter Weiblichkeit zum Inbegriff kapitalistischer Tierquälerei mutiert war, mit einem Schonbezug bedeckt und in den Kellerschrank gehängt.

Inzwischen lief eine Talk Show mit einer Moderatorin, die sie, sagte M., nicht ertragen könne. Die sei immer so aufgeregt. So schrill. Ich sah zu M. hinüber, und in diesem Moment begriff ich den Gehalt des schwer Fassbaren, das ich als Zwölfjährige wahrgenommen, aber nicht hatte einordnen können: Der Tierschützerslogan hatte alle empört – allerdings nicht wegen der Misogynie, die darin lag.

M. beugte sich vor, griff nach der Fernbedienung und schaltete um, dabei zuckte sie mit der ganzen Hand und sogar mit dem Oberkörper, als müsse sie alle Kraft einsetzen, um den widerständigen Knopf zu Gehorsam zu bewegen. Bei einer Sendung mit einem männlichen Sprecher machte sie Halt. Ob der weniger schrill sei, fragte ich. Sie antwortete, sie habe nun mal etwas gegen hohe Stimmen. Ob das daran liegen könne, stichelte ich, dass Menschen mit hohen Stimmen in der Regel Frauen seien? »Ich mag Männer«, sagte sie und widmete sich dem Moderator, als wolle sie keine einzige Silbe versäumen. Es klang, als stelle sie sich in einem hehren Akt der Solidarität vor alle Männer, um sie gegen mich zu verteidigen. Wir saßen noch eine Weile nebeneinander, bis ich, erschöpft von der Fahrt und dem Hiersein und M. und dem Krach aus dem Fernseher, aufstand und ihr Gute Nacht sagte. Als ich fragte, ob ich ihr helfen solle, ins Bett zu gehen, schüttelte sie den Kopf.

Der Nerz war zu kurz, er bedeckte nur Bauch und Oberschenkel. Ich ging noch einmal zurück und zog das, was von dem einstigen Prunkstück übrig war, so gut es ging zurecht, damit auch ihre Beine ein wenig Wärme bekamen. Das Fell hatte noch immer seinen kostbaren Schimmer. Ihren Nerz liebt sie, dachte ich. Am nächsten Morgen fand ich M. noch immer auf dem Sofa. Offensichtlich verbrachte sie inzwischen auch ihre Nächte hier.


Tag eins. Holz

Im Badezimmer hing ein leichter Geruch nach Urin. Wenn ich einatmete, nahm ich ihn in mich auf, die Grenzen zwischen unseren Körpern lösten sich auf. Ich wusch M.s Haar. Es war immer noch dick und kräftig, aber in nassem Zustand fühlte es sich weich und kraftlos an. Die Berührung ließ mich zurückschrecken und weckte ein Bild in mir. Als hielte ich etwas in den Händen, das gerade aus einem Ei geschlüpft, fast wund, kaum lebensfähig war und das man durch eine ungeschickte Bewegung leicht kaputtmachen konnte.

Ich legte den Föhn an seinen Platz und hatte einen Moment lang nicht auf sie geachtet, als ich sah, wie sie hinfiel. Ohne Vorwarnung und so schnell, dass ich erstarrte vor Schreck, war sie schon nach hinten umgekippt und mit dem Hinterkopf auf den Teppichboden aufgeschlagen, knapp neben dem marmornen Abstelltisch. Ich stürzte zu ihr und half ihr auf, der Kopf hing nach vorne, hinten lagen die Haare flachgedrückt, unter dem Weiß schimmerte rötlich die Kopfhaut. Ich half ihr aufs Sofa und zog vorsichtig ihre Hosenbeine hoch.

Die Knöchel waren unter dicken Säulen verschwunden, das Wasser in ihren Beinen kam von den Herzmedikamenten. Die Schienbeine dunkelrot gefärbt und von Hämatomen übersät, überall kleine und größere Schorfkrusten, aus manchen sickerten ein paar Tropfen Blut. Ich holte ein Handtuch, hielt es unter den Wasserhahn und wischte vorsichtig um die blutenden Stellen herum. Als meine Finger ihre Haut berührten, erschrak ich. Es fühlte sich hart an, nicht wie Haut und Fleisch, eher wie Holz. Ich klebte ein Pflaster auf. Sie sagte gelassen, fast entspannt, das passiere ihr oft und tue nicht weh. Behutsam zog ich den Stoff der Hosenbeine wieder herunter. Sie konnte austeilen – eigentlich war es das, was sie am besten konnte –, aber hart im Nehmen war sie auch.

M. ist oft schwer gestürzt. Fast immer hat sie es geschafft, den Notdienstknopf zu drücken, den sie an einer Schnur um den Hals trug. Einmal lag sie die ganze Nacht frierend auf dem Boden, weil ihr die Kraft fehlte, die Schnur unter ihrem Körper hervorzuziehen. »Es wird Zeit, die mobile Pflege zu holen«, sagte ich und richtete mich aus meiner knieenden Haltung auf. »Regelmäßig. Am besten mehrmals täglich.« Sie machte ein »Pff« mit hochgezogenen Mundwinkeln. Es wirkte spöttisch, fast amüsiert. Ein souveränes, nicht debattierbares Nein. Sie könne nicht nur sich selbst, sondern auch mir helfen, wenn sie sich dazu bewegen ließe, sagte ich. Ich würde hierbleiben, bis wir eine Lösung fänden. Mit der mobilen Pflege der Humanitas. Aber irgendwann müsse ich ja wieder einmal in mein eigenes Zuhause, zu meinem Mann, zu meiner Arbeit. In meine Nähe wolle sie ja nicht ziehen. Eine vierundzwanzig-Stunden-Pflegekraft wolle sie auch nicht, obwohl ich ihr tausendmal angeboten habe, das Haus dafür herzurichten. Ob sie eine bessere Idee habe als die Humanitas. Sie tat, als ob sie mich nicht gehört hatte.

Auch in dieser Nacht blieb sie vor dem Fernseher sitzen. Im Nachtprogramm schwebte ein Space Shuttle durchs tiefe Schwarz des Weltalls. Der Fernseher passte nicht mehr in die Aussparung des Einbauregals, mit den Jahrzehnten waren die Geräte immer größer geworden, jetzt ragte die sperrige Kiste auf einem Beistelltischchen in den Raum hinein und verdeckte die zierliche Trittleiter, auf die M. seit Jahren nicht mehr hatte steigen können, um nach Büchern zu suchen: Thomas Mann, der Zauberberg. Thomas Mann, der Zauberer. Max Frisch, mein Name sei Gantenbein. Hemingway, Fiesta. Alles von Goethe, alles von Stefan Heym und Martin Walser. Loriot. Die dicken, braun eingebundenen Lexika im Einbauregal, der Große Brockhaus A-Z.

Auf der Schwelle zum Flur drehte ich mich noch einmal um. Die Stehlampe mit dem gelben Stoffschirm goss Licht über ihren Scheitel, der Rest des Wohnzimmers lag im Halbdunkel. Da saß sie, entschlossen dem Bildschirm zugewandt. Obwohl ich ihre ausgeprägten Wangenknochen und die leicht gesichelte Nase mit den schmalen, länglichen Nasenlöchern von hinten nicht sehen konnte, wusste ich doch, wie sie gerade aussah, und das gab mir einen Stich. Ich wollte ihr gern sagen: Geh in dein warmes, weiches Bett. Ich kann dir dabei helfen. Auf dem kalten Leder ist es doch nicht schön. Aber ich sagte nichts, denn womöglich würde mir dann etwas anderes entschlüpfen: dass sie verwahrloste.


Tag zwei. Der schöne Marcel

Wir hatten ihn nicht kommen hören. Auf einmal stand er im Flur. Ich nickte, er nickte, gönnerhaft klopfte er mir auf den Rücken. Er hatte sich einen langgezogenen Kinnbart wachsen lassen, in dessen dunkler Tönung schon eingesprengte weiße Haare blinkten. Zugenommen hatte er auch. M. hinter ihrem Rollator lief ihm entgegen, sie war fast so schnell wie in jüngeren Jahren. »Der Junge! Sieht er nicht gut aus, der Kerl?« Der schöne Marcel tätschelte ihre Wange und schritt zum Esszimmertisch. Sie umflatterte ihn wie ein zwitschernder Sittich.

Marcel war der Nachbarssohn, fünf Jahre jünger als ich, und von Kind an bei uns ein- und ausgegangen, nachdem seine Eltern beide an Krebs erkrankten. Nach ihrem Tod – beide starben kurz nacheinander – hatten meine Eltern seine Pflegschaft übernommen, und seit meinem dreizehnten Lebensjahr lebten wir zusammen. Den Kampf um die Zu- und Umverteilung der elterlichen – vor allem der mütterlichen – Liebe führten wir verschwiegen. Einmal hatte M. Marcel und mir eine Tüte Gummibärchen mitgebracht und gesagt: »Schön gerecht teilen!« Wir hassten uns gegenseitig so sehr, dass wir die Gummibären auf den Esszimmertisch schütteten und einzeln verteilten. Wir saßen uns gegenüber und zählten mit: Er eine, ich eine, er eine, ich eine. Wenn ein Gummibärchen übrigblieb und wir ein Messer brauchten, um es halbieren zu können, gingen wir gemeinsam in die Küche – wir wussten, dass derjenige, der am Tisch sitzen blieb, den anderen bestehlen würde.

In den Jahren darauf führten wir in aller Stille heimtückische Kriege gegeneinander. Er legte mir Drahtbürsten oder Nutellabrote unter die Bettdecke. Ich rächte mich, indem ich so tat, als sei er unsichtbar, als gäbe es ihn nicht; eine hervorragende Methode, ihn zu quälen, weil sie ihm Angst machte und weil, wenn er petzte – er petzte ständig –, meine Untaten einigermaßen belanglos klangen. Er bekam trotzdem immer recht. Mit der Zeit überfielen wir uns ab und zu in unbeherrschbaren Ausbrüchen von Gewalt. Einmal versuchte er, mir mit einem Besenstiel ein Auge auszustechen, und ich, außer mir vor Zorn und in lichterloh brennender Mordlust, jagte ihn durch eine Glastür. Ich sah ihn durch eine pudrig weiße Wolke winziger Scherbensplitter fliegen. Als Marcel mit seiner Berufsausbildung begann, war ich schon lange ausgezogen, und nach seinem Abschluss war er wieder in sein zwischenzeitlich vermietetes und nun wieder freigewordenes Elternhaus zurückgekehrt. Er liebte ja das Viertel so, behauptete M., er komme oft vorbei und sehe nach ihr.

Marcel setzte sich in den mit zierlichen Ranken gemusterten Damensessel und legte seine Arme auf den Lehnen ab, neben dem Silberservice auf der Anrichte: Dies war sein Platz. Er fing sofort an, zu erzählen, unterhaltsam und begleitet von M.s kleinen Ausrufen des Entzückens, von einem Meditationsretreat am Bodensee, wo er im »Bliss« gewesen sei. M. hing an seinen Lippen. Als Marcel weg war mitsamt seinen Schultern und dem Bärtchen und dem breiten Grinsen, fragte ich M. beiläufig, wieso immer ich diejenige sei, die neue Glühbirnen eindrehte, die Mottennester im Keller entsorgte oder die Jalousien umprogrammierte, damit sie nicht im Winter morgens um sechs hochratterten, wenn doch Marcel direkt neben ihr wohne und angeblich regelmäßig nach ihr sehe? M. lachte hell. Für solche Sachen sei der Junge nicht geeignet. Sie sprächen zum Beispiel über Philosophie. Er brauche sie, auf geistiger Ebene. Sie sei wie eine Mutter für ihn.


Tag drei. Der Renate-Kern

Zum Duschen ging ich in den Keller, in die enge Kabine neben der Waschmaschine; in M.s Badezimmer konnte ich nicht duschen, die Gerüche, ihre Cremes und Handtücher – viel zu nah alles. Zuerst knallte der Duschkopf krachend auf den Wannenboden, ich steckte ihn fluchend wieder an die Halterung. Das Wasser, das über meine Haut lief, war kalt, ich drehte am Regler, jetzt verbrühte es mich fast. Ich floh aus der Kabine. Während ich eine Pfütze auf das Linoleum tropfte, drehte ich mit der ausgestreckten Hand den Wärmeregler vorsichtig zurück, das Wasser wurde schlagartig wieder kalt. Es war zu erwarten gewesen, dass in M.s Haus auch die Dusche totalitär war, dachte ich. Trotzdem stieg ich wieder in das flache Bassin, zitternd vor Kellerkälte und Enttäuschung. Drei Tage war ich schon hier und keinen Schritt weitergekommen mit M. und dem mobilen Pflegedienst.

Zum ersten Mal war der mobile Pflegedienst in M.s und mein Leben getreten, als M. nach dem Tod meines Vaters die Gürtelrose am rechten Arm bekommen hatte. Als M. nach der Reha nach Hause gekommen war, hatte Marcel mich angerufen – zum ersten Mal seit Jahren. M.s Arm schmerze sogar, wenn sie ihn nur leicht anhob, wie sollte sie eine Gabel heben, um zu essen, oder ein Glas, um zu trinken? Er selbst tue, was er könne, aber er habe einen Beruf, der ihn beanspruche, und die Tochter sei immer noch ich. Ich legte auf und staunte: In Marcels Welt waren Töchter keine Wesen, die Berufe haben konnten, die sie beanspruchten. Er hatte mich auf die selbstverständliche Weise, mit der er damals die Hälfte meiner Gummibärchen eingefordert hatte, einer Kaste zugeordnet, die in Notzeiten auf den Renate-Kern heruntergebrochen werden konnte. Eine Tochter zu sein, hieß, eine jederzeit verfügbare Reserve darzustellen. Was auch immer eine Tochter sonst so treiben mochte – ihr »Beruf« –, waren Nice-to-have-Attribute für Marcel.

Damals war mir die sechshundert Kilometer lange Strecke von meinem Zuhause zu ihrem, die ich danach so oft zurücklegen sollte, noch endlos vorgekommen. M.s und meine Begrüßung war kühl wie eh und je verlaufen, aber als ich sie so sah, mit ihrem gekrümmten Rücken und dem bandagierten Arm, empfand ich zum ersten Mal Mitgefühl. Sie hatte auf ihrem Damensessel gesessen, sich in die Seite gegriffen und gesagt: »Mir reicht’s. Ich will nicht mehr.« Ich ließ mich ihr gegenüber auf einen ihrer Kirschbaumholzstühle sinken und verstand nicht, was das bedeutete, was von mir erwartet wurde. Es erging mir wie in einem dieser vermutlich weit verbreiteten und auch mich oft heimsuchenden Träume, in denen dem fassungslosen Träumenden bewusst wird, dass er nicht nur einen wichtigen Prüfungstermin ganz und gar vergessen, sondern auch vom Prüfungsstoff noch nie etwas gehört hat. Dann begriff ich, dass es aus war mit dem rettenden Bruch zwischen uns. Die Zeit, in der ich mir die Illusion gestattet hatte, eine zufriedene, erfolgreiche Waise zu sein, war vorbei. Mein Blick glitt über die Vitrine, Kupferstiche und das silberne Kaffeeservice, und ich wollte nichts als zurück in mein Zuhause, in meine karg eingerichtete Wohnung und mein bevölkertes Leben, in dem keine töchterlichen Tugenden von mir erwartet wurden, in dem ich mich niemandem unterordnete, niemandem diente, selten log, hinter niemandem zurückstand und mich nicht in Selbstverleugnung übte.

In diesem Moment hatte es geklingelt. Renate, die Bewegungen in ihrer Nachbarschaft aufmerksam verfolgte und mein Auto auf dem Parkplatz gesehen hatte, stand vor der Tür. Ich sah in ihr blasses, freundliches Gesicht, sie in meines, und sie gab mir, ohne viele Worte zu machen, ein Blatt Papier mit der Telefonnummer der Humanitas, des mobilen Pflegedienstes vor Ort. Ich war sofort durchgekommen. Eine tiefe Raucherinnenstimme hatte mich mit einem dröhnenden »Hallo!« begrüßt. Das war Dana, die Chefin. Schon am nächsten Morgen hatte sie vor der Tür gestanden. »Sie wünschen?«, sagte M., die ihr geöffnet hatte. »Oh, da wüsst’ ich mir so einiges«, hatte Dana kraftvoll geantwortet, »aber jetzt lassen Sie mich mal rein. Ich bin die Dana von der Humanitas.« »Hat meine Tochter Sie angerufen?«, sagte M. und zog langsam die Eingangstür zu. »Sehr freundlich, dass Sie sich die Mühe gemacht haben, aber ich brauche nichts. Ich komme sehr gut allein zurecht. Außerdem will ich sowieso sterben.« »Das mit dem Sterben verschieben wir erst mal«, sagte Dana. »Bei mir wird nicht gestorben. Wollen wir jammern oder Croissants?« Triumphierend hielt sie eine Papiertüte hoch und stapfte an M. vorbei ins Esszimmer.

In den folgenden Jahren hatten sich M.s Krankheiten und Operationen gehäuft: eine Darmverschlingung, zwei Mal Stents. Von Noroviren hatte sie sich extremen Durchfall geholt. Von den Blutverdünnertabletten wurde die Inkontinenz immer schwerer. Gegen die Inkontinenz bekam sie ein Medikament, das sie so müde machte, dass sie tagelang schlief, nichts trank und nichts aß, bis ich sie eines Tages fast bewusstlos vorfand. Nach alledem hat ihr jedes Mal der ambulante Pflegedienst geholfen, wieder auf die Beine zu kommen. Und jedes Mal hat sie, sobald es ihr besser ging, bei Dana angerufen und ihn wieder abbestellt. Es war seit Jahren das gleiche Spiel.

Ich stieg aus der Dusche. Das Glück, mich unter warmem Wasser auflösen zu dürfen, war ausgeblieben. Während ich mich abtrocknete, warf ich einen Blick in den großen Kellerraum. Partybar, holzverkleidete Rohre, ein Bett. Da hatte ich früher übernachtet, bevor ich mich von allen und allem hier losgesagt hatte, an Weihnachten, Ostern, Geburtstagen. Zu all den Anlässen, an denen unweigerlich, spätestens jedoch zum Essen, die große Enttäuschung auf den Tisch kam, die ich für sie bedeutete. Weil ich immer zu spät kam und zu früh wieder fuhr. Weil alle Nachbarn gute Töchter hatten, die in der Nähe wohnten und nichts anderes begehrten, als ihren Müttern mit Einladungen zu Musicals, sei es mit Löwen, Rollschuhfahrern oder Katzen, eine Geburtstagsüberraschung zu bereiten. Dass M. Musicals im Grunde verachtete – keine Hochkultur –, konnte die Kränkung, eine Tochter zu haben, die sie nicht dazu einlud, nicht mildern.

In diesem Keller hätte ich mein Leben verbracht, wenn es nach M. gegangen wäre. Ein Leben als Kellertochter. Ohne Freunde, ohne Freude, ohne Sex. Wie Renate. Ein Leben unter dem Renate-Fluch. Ein Schauer schüttelte mich, wegen der Kälte. Ich hatte geglaubt, das alles sei seit langem überwunden.


Kinderfotos, goldgerahmt

Ich war für M. beim Optiker und beim Hörgeräteshop und bei Edeka gewesen, hatte ihr wieder einmal Blut von den Beinen gewischt und Bienenstich geholt. Je älter M. wurde, desto mehr liebte sie das Süße: Vanillejoghurt, Nougat, Marmelade, Streuselkuchen. Ich setzte mich an den Tisch, auf dem schon der Kaffee stand und der Bienenstich, und blickte durch das Terrassenfenster in den Garten. Der Winterboden war von einer nassen, glänzenden Schicht bedeckt, verfaulende Blätter der Rosenbäumchen, deren Anblick M. so liebte und die sie im Sommer nie goss. Unter den Büschen, die die kleine Grasfläche umrundeten, verrotteten Astern und Sonnenblumen und ein Lorbeerstrauch in umgekippten Plastiktöpfen; da warf M. sie hin, wenn sie abgeblüht waren. Der Kirschbaum bestand nur noch aus einem kahlen Stamm, den sich der Efeu gekrallt hatte. Die langen Ranken suchten nach Halt und griffen weit aus, fanden aber nichts, es gab nichts rundum außer bereifte Gräser, in kurzen, heftigen Windstößen wehten und wedelten sie ins Leere. Ich kniff die Augen zusammen und sah in den Umriss, den Stamm und Blätter bildeten, einen sehr nervösen Menschen hinein. Er schien ein großes Maul zu haben, das geschwätzig auf- und zuklappte, und winkte mir zu mit dramatischen, sich unablässig wiederholenden Bewegungen. Wie jemand, der die Kontrolle über seinen Körper verloren hatte und sich absolut nicht beruhigen konnte.

Im Haus war Stille. M. war in ihrem Schlafzimmer verschwunden. Den Fernseher, der auch ohne Zuschauer vor sich hinzutoben pflegte, hatte ich ausgeschaltet, vielleicht mit mehr Druck auf den Knopf der Fernbedienung, als nötig gewesen wäre. Ebenso das runde rote Kofferradio hoch oben auf dem Regal in der Küche, das sonst Tag und Nacht in voller Lautstärke lief.

Daneben hing eine mit Drosseln und Amseln bemalte Plastikscheibe, die Vogelstimmenuhr. Früher hatte M. manchmal mitgepfiffen, wenn die Uhr zwitscherte. Früher hatte M. die Gabe besessen, Glücksüberfluss zu übertragen, dachte ich. Allerdings hatte ich schon lange kein Zwitschern mehr gehört. Ich nahm die Uhr von der Wand und öffnete die Klappe an der Rückseite, das Batterienfach war leer. Marcel, der gute Junge, war wohl nicht dazu gekommen, neue einzusetzen.

Während ich vor M.s Kaffeetisch saß und noch immer auf sie wartete, betrachtete ich die goldgerahmten Familienfotos auf der Anrichte. M. im Bikini, an den Mast eines Segelboots gelehnt. Mein Vater am Strand, mit gefleckter Haut. Mittelmeerurlauber waren damals am ganzen Körper rot-weiß gescheckt und warteten darauf, dass sich die rotverbrannte Haut abschälte. Ich erinnerte mich an das lustvolle Hautabziehen, wir hockten auf unseren Handtüchern und schälten uns gegenseitig, wie Affen einander lausen. Eine seltsame Befriedigung ging davon aus, die hauchfeinen, fast durchsichtigen Fetzen abzulösen. Erst wenn man sich ganz gehäutet hatte und unter der verbrauchten Schicht die neue, bronzene nachwuchs, war bewiesen, dass man sich gut erholt hatte im Urlaub.

Ein anderes Sommerfoto hatte den etwa siebenjährigen Marcel eingefangen, wie er mit triumphal erhobenem Arm posierte wie der Schauspieler John Travolta. Die dünnen, gebräunten Beine, die aus den kurzen Lederhosen staken, und die würdevolle Miene auf den weichen Gesichtszügen – bei seinem Anblick war selbst ich, die er verdrängt, der er den ihr gebührenden Platz gestohlen hatte, gerührt. Mein kleiner Beinah-Bruder. Ich erinnerte mich an ein Gartenfest der Eltern, er hatte mal wieder den Travolta gegeben, die Erwachsenen bildeten einen Kreis um ihn, lachten und klatschten. »Wie entzückend«, sagte eine der Frauen, die Männer nickten sich zu: »Der wird mal abräumen bei den Damen.«

Das Foto daneben zeigte mich. Der Anblick gab mir einen Stich. Krumme Haltung, hängende Arme. Eine Dreizehnjährige, die breitbeinig und verwirrt vor der Kamera herumstand. Ein Trampeltier mit einem maulenden Kindergesicht obendrauf. Ein verlorenes Zwischenwesen, das M. zum Arzt gebracht hatte, weil es Geschwulste habe. Der Arzt hatte sich gebückt, meinen nackten Oberkörper inspiziert, sich wieder aufgerichtet, M. einen langen Blick gegeben und tonlos gesagt: »Das sind keine Geschwulste. Ihrer Tochter wachsen Brüste.« Ein Zwischenwesen, dem M. auf langen Spaziergängen davon erzählte, wie sie selbst, als Mädchen, sich geekelt hatte vor Brüsten. Sie sei in einem Bus unterwegs gewesen, ans Fenster gelehnt habe eine Frau gestanden, ihre Brüste hingen heraus und ein »Kerl« – M. hatte das Wort mehr ausgespuckt als ausgesprochen – habe daran herumgeknetet. Danach habe sie sich die Brüste abbinden wollen. Kurz besetzte mich eine weitere Erinnerung an meine angsterfüllten Fantasien vor dem Einschlafen, die mich dazu gebracht hatten, meine Hände schützend über die Schwellungen auf meinem Brustkorb zu legen. Ich schüttelte das Bild ab. Der Kaffee wurde kalt. Wo steckte M.?


Im Keller

Im Schlafzimmer war sie nicht. Wägelchen und Stock fand ich im Wohnzimmer. Ich rief laut nach ihr. Keine Antwort. Ich öffnete die Kellertür und sah die Treppen hinunter. Licht brannte, hinten bei der Waschmaschine rumorte etwas. Ich rief nach ihr in einem Ton, wie man ihn gegenüber renitenten Schutzbefohlenen anschlägt – schließlich würde auch ich es ausbaden müssen, falls sie wieder hinfallen sollte. »Was machst du denn alleine im Keller? Ohne Stock? Unvernünftiger geht es nicht«, rief ich, da kam sie schon mit gekrümmtem Rücken, aber überraschend flink, um die Ecke gelaufen und begann, sich Stufe um Stufe am Geländer hochzuziehen. Ihre Augen waren weit aufgerissen. Auch Blicke können dich anschreien, dachte ich und stürzte ihr entgegen, um sie halten zu können, falls sie das Gleichgewicht verlieren sollte. Als ich sie erreicht hatte und nach ihrem Arm griff, schlug sie meine Hand weg und rief, ich sei wie Putin. Das mit Putin war neu. Ich fand, dass, wenn der Vergleich schon bemüht werden musste, er auf sie viel besser zutraf als auf mich.

Es war klüger, den Rückzug anzutreten, die Teller abzuräumen, abzuspülen. Aber sie folgte mir in die Küche. Ihr Schiebewagen stand im Weg. Ich bückte mich, um die Teller in die Spülmaschine zu räumen und stieß dauernd gegen ihren Wagen, ihren Stock, gegen sie. »Der Teller kommt aber da hin, nicht da«, sagte sie. »Du misshandelst die Spülmaschine. Und die Pfanne musst du erst abspülen. Die stinkt ja.« Angeekelt betrachtete ich eine Spülbürste, die ich in meiner Küche sofort in den Müll geworfen hätte.

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