Isabelle Stier

»Die Hindernisläuferin«



Isabelle Stier wurde 1992 in Trier geboren. Sie ist als Autorin für Kultur Heute! (Dlf) und Mosaik (WDR) im Theater tätig. Darüber hinaus berichtet sie für Campus&Karriere (Dlf) über bildungspolitische Themen. Für die Sendungen Büchermarkt und Bücher für junge Leser (Dlf) rezensiert sie neue Bücher.

»Die Hindernisläuferin«


Ein Roman über Vergangenheit, Heilung und die Suche nach sich selbst. Die junge Alma zieht nach einer Trennung zu ihrer schroffen Oma und lernt, was es bedeutet, sich über die Hindernisse des Vergangenen hinweg, der eigenen Zukunft zu stellen.

Themen: Coming-of-Age, Generationenkonflikt, Migration



Leseprobe


I

Drei, zwei, eins. Und wieder von vorn. Fünf, vier, drei. Wie ein Mantra zähle ich von fünf bis eins runter. An jeder Straßenlaterne, die ich passiere, eine Zahl. Obwohl ich den Weg zu Omas Wohnung erst ein paar Mal gelaufen bin, weiß ich schon, wie viele Laternen mir dabei begegnen. Fünfundzwanzig. Da passt die Fünfertaktung gut. Zwei Wochen schon laufe ich nach dem Training nicht mehr über die Römerbrücke in meine alte Wohnung, in Adams und meine Wohnung, die jetzt nur noch Adams ist. Vielleicht wäre er irgendwann selbst ausgezogen. Aber das hätte Tage, eher Wochen gedauert. Und dann hätte ich alleine dagesessen und ihn in jeder Ecke stehen, auf jedem Stuhl sitzen sehen, das weiß ich genau. Zu gehen war die einzig richtige Entscheidung.

Ich merke, dass ich schneller werde, meine Füße härter auf dem Boden aufsetze. Beeindruckend, dass ich nach dem intensiven Training noch so schnell joggen kann. Die Gedanken an Adam breiten sich aus wie Nebel und verschleiern mir die Sicht. Deswegen bin ich heute im Wassergraben gestolpert. Auf der Zielgeraden habe ich das rote Rinnsal bemerkt, das sich einen Weg bis zu meinem Schuh bahnte. Wehgetan hat es erst hinterher, als sich mein Atem beruhigt und ich die Anstrengung gespürt habe. Immerhin hat der Schmerz Adam kurzzeitig aus meinem Kopf vertrieben.

Normalerweise liebe ich es am Wassergraben zu trainieren. Das steht nicht oft auf unserem Trainingsplan. Wir laufen meistens ohne Hindernisse, um unsere Ausdauer zu stärken oder trainieren mit einfachen Hürden, damit sich unsere Sprungtechnik verbessert. Dabei ist der Wassergraben die größte Herausforderung beim Hindernislauf. Da muss alles stimmen. Es gilt im richtigen Moment abzuspringen, über das Hindernis zu kommen, im richtigen Moment im Wasser zu landen, wieder zu beschleunigen. Mit Nebel im Kopf funktioniert das nicht. Heute habe ich den dritten richtigen Moment verpasst und bin mit dem Knie zuerst im Wasser gelandet. Noch eine Laterne. Vier. Ich erinnere mich noch genau an den Auslöser für die ersten Nebelschwaden. Ein Satz von Adam. »Ich habe jemanden kennengelernt.« Ein simpler Satz. Ohne simple Bedeutung. Ganz fing der Nebel an sich auszubreiten. Die Schwaden ließen sich Zeit, drangen in jeden Winkel meines Kopfes vor, ließen keinen Platz für Gedanken oder Worte. Adam redete und redete, und ich stand da und spürte, wie alles dumpf und undurchsichtig wurde, wie das drückende Wabern Adams Worte verschluckte und die Welt um mich herum. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich mich nicht bewegte. Irgendwann hörte Adam auf zu reden und wartete auf eine Antwort. Er wartete und wartete, aber da kam keine. Als ich es irgendwann schaffte meine Beine zu bewegen, ging ich wortlos an Adam vorbei, packte einen Koffer und klingelte eine halbe Stunde später bei Oma.

Es gibt keinen anderen Ort, an dem ich jetzt sein könnte. Denn was ich nicht möchte, ist über Adam sprechen, Fragen beantworten, mitleidige Blicke von der Seite spüren. Alles was ich will ist allein sein. Und das geht nirgendwo so gut wie bei Oma. Noch eine Laterne. Zwei. Ich will nicht mehr denken. Wieso, weshalb, warum? Es wird sowieso niemand antworten. Eins. Obwohl Omas Wohnung nur drei Minuten vom Stadion entfernt ist, kommt mir der Weg mindestens genauso lang vor wie die Dreiviertelstunde, die ich früher nach dem Training immer in meine Wohnung gelaufen bin. Vielleicht liegt es daran, dass dieser Weg intensiver, dunkler, irgendwie beängstigender ist. Die Straßenlaternen in Trier-Nord scheinen doppelt so weit voneinander entfernt zu stehen wie in anderen Teilen der Stadt. Je weiter ich mich von einer Laterne entferne, umso schneller laufe ich der nächsten entgegen. Fünf. Gleich ist es geschafft. Nur noch einmal runterzählen. »He, pass doch auf.« Ich kann gerade noch ausweichen, um nicht mit Vollspeed in den Mann hineinzulaufen, der mit seinem vollgepackten Einkaufswagen mitten auf dem Gehweg sitzt. Einfach weiterlaufen, nicht umdrehen. Der ist harmlos.

38 Treppenstufen führen hoch zu Omas Wohnung. Und nochmal eine über die Schwelle. Auf dem Weg nach unten überspringe ich die letzte Stufe immer, dann sind es nur 37, die ich zähle. Das ist nach zwei Wochen schon zu einem Ritual geworden. Gleich am ersten Tag kam mir die Idee. Ein- oder zweimal habe ich vergessen zu zählen. Als es mir aufgefallen ist, bin ich wieder zurück nach oben gelaufen und habe von vorne gezählt, mit Sprung über die letzte Stufe. Jetzt passiert mir das nur noch selten. Ich mag Zahlen und kann mir alles, was damit zu tun hat, gut merken, zum Beispiel welche Zeiten meine Freundin Maria und ich wann über 3000 Meter gelaufen sind oder in welchem Jahr meine Uroma geboren wurde. Irgendwann hat Oma mir von ihr erzählt. 1919.

Vor der Wohnungstür ziehe ich meine Schuhe aus und verstecke sie in einer kleinen Abstellkammer am Treppenabsatz. Hinter dieser Tür landet alles, was die Leute in diesem Haus loswerden wollen. Meine Schuhe brauche ich natürlich noch, aber Oma darf nicht sehen, dass ein Blutfleck darauf ist. Ich habe ihren tadelnden Blick genau vor Augen. »Wieso hast du nicht aufgepasst? Die Schuhe hast du dir doch gerade erst gekauft!« Oma spricht nicht viel, außer es gibt etwas zu kritisieren. Dann sprudelt sie wie ein Wasserfall und ist nur schwer zu stoppen. Ich muss die Schuhe irgendwie sauber kriegen, das steht fest. Oma wüsste sofort, welches Mittel am besten wirkt. Vielleicht kann ich ihr die Info unauffällig entlocken. Ich muss an Gallseife denken. Soll die nicht gegen alles helfen?

»Hallo, ich bin zurück«, rufe ich Oma zu und lasse die Wohnungstür wie immer kurz offenstehen. Ich habe es aufgegeben ihr zu erzählen, dass sie öfter mal die Fenster öffnen sollte. In der Wohnung riecht es nach Alter. Dazu kommen individuelle Geruchsnoten, in Omas Fall: eine Mischung aus Schweiß und irgendetwas Süßlichem. Statt einer Antwort klappert in der Küche Geschirr. Es klappert immer Geschirr oder irgendetwas anderes, das eingemacht, geschrubbt oder repariert wird. Zwei Minuten durch die Wohnungstür lüften muss reichen. Ich mache vier, drei, zwei Schritte ins Bad. Kleine Schritte, denn der Flur ist die Miniaturausgabe eines Flurs. Aber ich möchte nicht nur einen Schritt machen und schon da sein. Also habe ich am zweiten Tag hier ausprobiert, mit welcher maximalen Schrittanzahl ich den Flur durchqueren kann. Vier. Das geht gerade so. Fünf sehen seltsam aus. Fünf funktionieren nur mit ganz kleinen Trippelschrittchen, und menschliche Schritte sollen es sein. Oma ist zu beschäftigt, um mich aufzuhalten. Gut so. Ich brauche immer einen Moment für mich, bevor ich mich zu ihr setze. Ich nehme ein Pflaster aus dem Oberschränkchen, säubere die Wunde und klebe es darauf. Meine Sporthose tausche ich gegen eine Jeans, die eigentlich schon längst gewaschen im Schlafzimmer liegen sollte, es aber bisher dreimal ungewaschen wieder aus dem Wäschekorb herausgeschafft hat. Unter dem Pflaster und der Jeans ist die Wunde gut versteckt. Dreckige Schuhe oder ein aufgeschürftes Knie – an schlechten Tagen ist beides Grund genug für eine Schimpftirade. An guten Tagen spart Oma sich den Kommentar, da genügt ein Blick. So war es auch, als ich vor zwei Wochen mit glasigen Augen und meinem zerschlissenen Koffer vor ihrer Tür stand. »Oma, darf ich für ein paar Tage bei dir bleiben?«, fragte ich. Oma musterte mich von oben bis unten und schwieg. Keine Fragen, keine aufmunternden Worte. Nur ein Schritt zur Seite und eine auffordernde Handbewegung. Genau das, was ich mir erhofft hatte.

Seither schlafe ich im Wohnzimmer. Alles ist zugestellt mit porzellanfigurbestückten Kartons, Programmzeitschriften aus dem letzten Jahrzehnt, verstaubten Trockenblumen in hässlichen Vasen. Es ist beeindruckend, wie viele Dinge eine einzelne Person in einer 45 -qm- Wohnung ansammeln kann. Dabei braucht Oma eigentlich nur ihren Stuhl in der Küche zum Glücklichsein. Tag ein Tag aus sitzt sie da, schält Kartoffeln, liest eine HÖRZU nach der anderen, schaut aus dem Fenster. Ich habe einen ganzen ersten Nachmittag gebraucht, um das Wohnzimmer einigermaßen bewohnbar zu machen. In feinster Tetris-Manier stapeln sich jetzt Kartons mit Porzellanfiguren in einer Ecke, aus vielen kleinen HÖRZU-Stapeln ist ein großer geworden. Wegschmeißen durfte ich nichts. Für meine diesbezügliche Frage hatte Oma nur einen giftigen Blick übrig. Sie hat sich in den Kopf gesetzt, jede einzelne ihrer Zeitschriften durchzublättern, bevor sie sie entsorgt. Ihre Akribie beeindruckt mich irgendwie. So sorgfältig kämpfen sich nur die wenigsten durch jahrzehntealte Klatschblätter. Gestern Abend haben William und Kate endlich geheiratet.

Ich muss lächeln als ich die Küche betrete. Oma ist so berechenbar. Natürlich sitzt sie auf ihrem Stuhl und hat eine halb geschälte Kartoffel in der Hand. »Gibst du mir das rote Messer? Das hier ist stumpf«, nuschelt sie zur Begrüßung. »Hallo Oma, schön dich zu sehen«, antworte ich und halte ihr das Messer hin. Sie hält kurz inne. Lächelt sie auch? Bevor ich genauer hinschauen kann, ist der Moment vorbei und sie fängt wieder an zu schälen. Wer sich mit dieser Frau abgibt, muss auf alles vorbereitet sein. Omas Stimmung wechselt nicht täglich oder stündlich wie bei anderen Menschen. Bei ihr geht das innerhalb von Sekunden. Als Jugendliche habe ich jede ihrer Stimmungen einem Tier zugeordnet. Außerhalb der Wohnung wird Oma zur Schnecke. Sie ist dann auf der Hut – immer bereit, sich in ihr Schneckenhaus zurückzuziehen, um bloß nicht aufzufallen, bloß nicht angesprochen zu werden. Ein falsches Wort und die Leute in der Stadt könnten mitbekommen, wer sie wirklich ist, woher sie kommt. Zu den besseren Leuten werden wir nie gehören, das hat Oma mir von Geburt an eingebläut. Umgeben von anderen Menschen strebt Oma nach dem Mittelmaß. Bloß nicht zu schnell, bloß nicht zu langsam geht sie die Straße entlang, erledigt sie ihre Einkäufe, geht sie zum Arzt, bringt sie den Müll weg, tut sie alles, was zu tun ist, aber auch nicht mehr. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sie schon einmal irgendetwas zum Spaß gemacht hat. Besonders schlimm sind Omas Honigdachs-Tage. Zum Honigdachs wird sie nur bei mir oder meiner Mutter. Irgendwo habe ich gelesen, dass Honigdachse sich scheinbar vor Nichts fürchten. Sie sind nicht besonders groß und nicht besonders stark, stellen sich aber trotzdem den größten und gefährlichsten Tieren entgegen. Dabei verlassen sie sich auf ihre dicke Haut und ihre scharfen Krallen. Beides hat Oma sich über die Jahre zugelegt. Da kommt fast niemand durch. Ich versuche es trotzdem immer wieder. Dreimal habe ich sie bisher zum Reden gebracht. Da hat sie mir erzählt, wie sie sich verabschiedet hat von ihrem Zuhause in Schlesien. Nach fast vierzig Jahren in Trier, nennt sie Zabrze immer noch so. Als wäre ihr Dasein hier nur eine Übergangslösung. Für solche Gespräche muss ich den richtigen Moment erwischen. Wie im Training folgt ein Hindernis aufs Nächste. Zuerst gilt es Omas Stimmung zu studieren, dann die richtigen Worte zu finden und die Frage im passenden Moment zu stellen. Der wichtigste und schwierigste Teil folgt zum Schluss: Geduldig warten. Wird sie erzählen oder nicht? Es ist ein Glücksspiel. Die Schale wird länger und länger. Erst als die Kartoffel rundum gelb ist, lässt Oma den braunen Strang zu Boden fallen. Ihre Technik hat sie über all die Jahre perfektioniert. Oma dreht die Kartoffel in ihrer Hand. Es ist kein Fitzelchen Schale mehr dran. Langsam legt sie das Messer auf den Küchentisch und versucht sich mit der freien Hand aus dem Stuhl hochzudrücken. Ich habe den Impuls, ihr zu helfen, aber ich weiß, dass ich ihm lieber nicht folge. Trotzdem mache ich einen Schritt in ihre Richtung. »Soll ich dir Kartoffel abbnehmen?«, frage ich genau in dem Moment, als es Oma gelingt ihren schweren Körper aus dem Stuhl zu hieven. Sie schiebt mich mit der freien Hand zur Seite und macht einen Schritt in Richtung Herd. Die Kartoffel plumpst ins Wasser. Zufrieden wischt sich Oma die Hand an ihrer Schürze ab. Wie sie es geschafft hat, den randvollen Wassertopf auf den Herd zu stellen, ist mir ein Rätsel. Wahrscheinlich hat sie die zwei Stunden, in denen ich beim Training war, damit verbracht, ihn zu füllen und über die Anrichte zu schieben.

Mein Handy vibriert. Sofort schlägt mein Herz wie wild und ich spüre, wie sich der Nebel bereit macht. Adam steht auf dem Display. Wann kommst du den Rest abholen? In einer Woche zieht Laura ein. Am liebsten würde ich das Handy aus dem Fenster schmeißen. Meine Hand beginnt zu zittern. Tränen steigen mir in die Augen und verschleiern meine Sicht. Das war es also wirklich. Ein kleiner Teil von mir hat bis gerade eben gehofft, dass er mich doch noch fragt, wann ich zurückkomme. Das ich zumindest die Chance kriege, noch einmal über uns nachzudenken. Deswegen habe ich meinen Rucksack bei ihm stehen lassen. Ich drehe mich um und bin mit vier kleinen Schritten zurück im Bad. Der Nebel hat mich eingenommen. Ich setze mich auf die kalten, braunen Fliesen und lasse die Tränen laufen.

Bloß nicht vor Oma weinen, sonst lässt sie sich doch noch zu einem bissigen Kommentar oder einem lehrreichen Tipp hinreißen. Als keine Tränen mehr übrig sind, halte ich mein Gesicht unter den Wasserhahn und drehe den kalten Strahl auf. Wie drei kurze Sätze fünf Jahre bedeutungslos machen können. Ich nehme mir eins von Omas rauen Handtüchern aus dem Schrank, trockne mir das Gesicht ab, öffne den Schrank noch einmal und schiebe das Handy hinter den Handtuchstapel.

Als ich in die Küche zurückkomme, steht Oma am Herd und rührt in einem kleinen Topf. Ohne mich anzuschauen sagt sie: »Du musst essen.« »Gerne«, sage ich und muss aufpassen, dass die gerade neu produzierten Tränen bleiben, wo sie sind. Wenn ich einmal angefangen habe zu weinen, ist es so schwer, wieder damit aufzuhören. Ich schiebe einen Stapel HÖRZUs ans andere Ende des kleinen Tisches und setze mich. Einmal war Adam mit mir hier. Es gab Zitronenkuchen, Omas Spezialität. Der Kuchen war Adam zu trocken. Immerhin hat er mir das erst hinterher gesagt. Oma hätte ihm nicht mehr in die Augen sehen können, wenn sie es gewusst hätte. Und ich Oma nicht.

»Wilhelm hat mich verlassen. Deswegen sind wir hier.« Oma spricht leise. Sie dreht sich nicht um, rührt weiter im Topf, wartet. Ich kann nicht glauben, was sie da sagt, wage aber nicht etwas zu fragen, damit sie weitererzählt. Aber Oma spricht nicht weiter, deswegen frage ich doch irgendwann vorsichtig: »Wie meinst du das?« Oma rührt noch ein paar Mal im Topf, bevor sie sagt: »Hätte dein Großvater mich nicht verlassen, wäre ich nicht nach Deutschland gegangen.« Ich würde gerne aufstehen und mich neben sie stellen, damit ich besser höre, was sie sagt, aber ich traue mich nicht. Jede Veränderung könnte eine zu viel sein. Oma nimmt einen Löffel aus der Schublade und rührt Honig in den Topf. »Wir hatten ein gutes Leben, ein kleines Haus, genug zu essen. Alle haben von einem besseren Leben in Deutschland gesprochen, aber ich war glücklich in Zabrze. Ich wollte nicht weg. Bis es vorbei war mit uns.« Ich bin wie benommen von Omas Geschichte. Es ist eine andere Benommenheit als die traurige, die Adam in mir hervorruft. Diese Benommenheit ist warm, irgendwie vertraut.

Für den heutigen Tag muss ich ein neues Tier erfinden. Oma hat noch nie von sich aus über Opa gesprochen. Wann immer jemand versucht, etwas aus ihr hervorzulocken, lenkt sie ab oder reagiert gar nicht. »Ohne ihn wollte ich nicht bleiben. Ich wollte weg. Weg von den Erinnerungen, den tuschelnden Leuten. Also habe ich einen Antrag gestellt. Er wurde schnell bewilligt, ich weiß bis heute nicht, wieso.« Sie hört auf zu Rühren und legt den Löffel in die Spüle. »Für mich war das ein Zeichen. Ich bin gegangen, ohne noch einmal darüber nachzudenken.« Oma dreht sich um und stellt behutsam eine dampfende Tasse vor mich auf den Tisch. Warme Milch mit Honig. »Trink, das kannst du brauchen.« Ich habe sie lange nicht mehr so viel sprechen gehört. Sie darf nicht aufhören. »Aber was ist passiert? Wieso hat er dich verlassen?« frage ich und merke sofort, dass meine Fragen unbeantwortet bleiben werden. »Das war eben so«, antwortet Oma barsch. Ich behalte die Milch einen Moment länger im Mund als gewöhnlich, bevor ich schlucke. Ich betrachte Omas leicht zitternde Hand, mit der sie ein Sudokuheft aus dem Zeitschriftenstapel hervorkramt, die krummen Finger der anderen, die sich behutsam um die kleine schwarze Lupe legen. »Danke« sage ich. Oma hebt den Blick und lächelt mich diesmal wirklich kurz an, bevor sie sich wieder über ihr Heft beugt. Der Moment geht so schnell vorüber, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich ihn mir nur eingebildet habe. »Das Essen ist in fünf Minuten fertig. Der Tisch deckt sich nicht von alleine.« Ich halte kurz inne, bevor ich aufstehe und zwei Teller aus dem Küchenschrank nehme.

II

Kommst du heute Abend vorbei? Filmabend? Oder wir betrinken uns? Denk darüber nach! Du kannst meine Nachrichten nicht ewig ignorieren. Langsam bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Trotzdem beantworte ich die Nachricht meiner Freundin Maria nicht und lasse mein Handy auf den Teppich fallen. Ich habe Kopfweh von den Albträumen, der schlechten Luft und dem ewigen Staub in dieser Wohnung. Den Couchtisch muss ich unbedingt als nächstes frei räumen, wenn ich mich hier einigermaßen wohlfühlen will. Vielleicht kann ich ein paar Zeitschriften unauffällig entsorgen, wenn Oma heute Nachmittag bei ihrer Ärztin ist. Sie wird es niemals schaffen alle durchzulesen. Jede Woche kommen neue Ausgaben dazu, die Stapel wachsen und wachsen. Oma hat ein HÖRZU- und ein TV direkt Abo. Immerhin erscheint die TV direkt nur alle 14 Tage. Beim Aufräumen habe ich zwei Bücher im Zeitschriftenwust entdeckt, ganz unten in einem Stapel. Beide habe ich ihr geschenkt, in der Hoffnung, dass sie auf den Geschmack kommt. Keins der Bücher sieht so aus, als ob Oma sie auch nur eines Blickes gewürdigt hätte. Eins ist sogar noch eingeschweißt.

Mein Handy vibriert schon wieder. Ich sehe, dass du online warst. Maria. Ich wundere mich, dass sie überhaupt schon wach ist. Seit einem halben Jahr arbeitet sie in einer dieser hippen Marketingagenturen, in denen die Büros Office heißen, wenn es überhaupt welche gibt. Die Angestellten entscheiden selbst, wann sie anfangen zu arbeiten. Vor 10 Uhr sitzt Maria normalerweise nicht am Schreibtisch. Vielleicht sollte ich sie heute Abend wirklich besuchen. Es ist die dritte Einladung in dieser Woche. Langsam fallen mir keine Ausreden mehr ein. Wahrscheinlich hat sie sogar Recht und ein Treffen mit ihr würde mir guttun. Schließlich kennen wir uns schon ewig. Ich habe ihre Nummer als einzige direkt auf meinem Handydisplay gespeichert. Da gibt es neben den Buttons für Whatsapp, Instagram und meiner Wetterapp auch ein Icon, auf dem Marias Foto zu sehen ist, mit einem kleinen grünen Kreis und einem Mini-Telefonhörer. Tippe ich darauf, meldet sich Maria meistens schon nach dem zweiten Klingeln. Trotzdem bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich sie heute Abend wirklich sehen will. Maria wird nach Adam fragen, wenn wir uns sehen. So viel ist sicher.

06:15 Uhr steht am oberen Displayrand meines Handys. In eineinhalb Stunden muss ich in der Praxis hinter dem Tresen stehen. Der Gedanke an die vielen Menschen, die gestern schon vor acht Uhr Schlange standen und auf Einlass gewartet haben, lässt mich erschaudern. Ich weiß nicht, wie lange ich mir das noch antun kann. Manchmal habe ich das Gefühl, die Leute sparen sich ihren Frust auf, um ihn dann an der nächstbesten Arzthelferin auszulassen. Vielleicht sollte ich doch noch einmal über ein Medizinstudium nachdenken. Aber zuerst muss ich meine Wohnsituation klären. Auf Dauer kann ich nicht hier bei Oma bleiben, dafür ist das Sofa zu hart und meine Privatsphäre zu beschränkt.

Ich bahne mir einen Weg aus meinem Übergangsbett vorbei an Trockenblumen und aufgerissenen Kartons. Jeden Morgen bin ich vor Oma in der Küche, um ihre Tabletten aus dem Schrank über der Spüle zu holen und ein Glas Wasser auf den Tisch zu stellen. Diese unausgesprochene Abmachung haben wir seit meinem dritten Tag hier. Oma führt eine toxische Beziehung zu ihren Tabletten. Körperlich helfen sie ihr, mental tun sie ihr aber alles andere als gut. Vor allem die Tatsache, dass sie überhaupt welche nehmen muss. Zwei Tage lang versuchte sie die Schachtel vor mir zu verstecken, in einer Box ganz oben im Küchenschrank. Am ersten Morgen nach meiner Ankunft beobachtete ich, wie sie mühsam einen Stuhl vor den Schrank schob und darauf kletterte, um die kleine Box zu erreichen. »Oma, was machst du da? Das ist gefährlich. Lass mich dir helfen«, rief ich aus dem Flur in die Küche. »Ich dachte du schläfst noch«, hörte ich sie zischen. »Lass mich dir helfen«, sagte ich noch einmal. Mit meiner Unterstützung schaffte sie es irgendwie von ihrem wackeligen Stuhl hinunter zu steigen. Ihre Augen funkelten so zornerfüllt, dass ich den Vorfall nicht weiter kommentierte und seitdem nicht mehr erwähnt habe. Am nächsten Tag stand ich extra früher auf, um die Tabletten für Oma auf den Küchentisch zu stellen, bevor sie wieder auf den Stuhl steigen konnte. Dabei passierte mir der nächste Fehler. Ich blieb in der Küche, bis Oma aus ihrem Schlafzimmer kam. »Ich habe dir deine Tabletten – «, fing ich an zu erklären. Ihr Blick war noch zorniger als am Tag zuvor. Wortlos griff sie die Schachtel, schob sich einen Stuhl zum Schrank und stellte sie zurück. Während der fünfzehnminütigen Prozedur saß ich stumm daneben. Ich wusste nicht, dass sie so starrköpfig ist. »Oma, ich weiß doch sowieso, dass du Tabletten nimmst, da kannst du mich auch helfen lassen.« Natürlich bekam ich keine Antwort. Dass Oma sich so sehr für ihre Tabletten schämt, war mir nicht bewusst. Vor allem wusste ich nicht, dass sie sich vor mir schämt. Dabei war Scham schon immer Omas täglicher Begleiter. Besonders hoch oben auf der Schamskala steht ihr Akzent, den sie immer noch hat, obwohl sie seit fast vierzig Jahren in Deutschland lebt. Sie schämt sich aber auch für den Geruch und die Unordnung in ihrer Wohnung. An diesem Punkt könnte sie arbeiten und ich würde ihr sogar dabei helfen. Aber was ich auch vorschlage, es ist nicht richtig. Wahrscheinlich müsste ich aufräumen, wenn sie es nicht merkt. Im besten Fall würde sie das unkommentiert akzeptieren. Das sehe ich dann aber auch nicht ein, schließlich ist das nicht meine Unordnung hier.

»Wollen wir heute zusammen zu Abend essen?«, frage ich, bevor ich mich auf den Weg in die Praxis mache. Sie bewegt ihren Kopf wie in Zeitlupe von oben nach unten und wieder zurück. Seit sie mir vor ein paar Tagen von Opa erzählt hat, kriege ich ihre Stimme nur noch selten zu hören. »Dann bis später. Mach dir einen schönen Tag, Oma.« Diese gespielte Freundlichkeit, die ich versuche an den Tag zu legen, kostet mich wahnsinnig viel Energie. Ich bin mir sicher, dass Oma weiß, wie es mir wirklich geht. Aber so lange ich kann, möchte ich den Schein aufrechterhalten. Ich lasse die Wohnungstür ein bisschen zu laut hinter mir ins Schloss fallen, gehe die 37 Treppenstufen zügig hinunter, überspringe die letzte, drehe mein Zahlenschloss in die richtige Position und trete in die Pedale. 07:20 Uhr. Das wird knapp.

Weitere Talente entdecken

Alle ansehen