
Katrin Baumann
»Komplimente«
Katrin Baumann, in Zürich geboren, lebt in München. Sie besuchte eine Journalistenschule und arbeite für verschiedene Medienhäuser, u. a. die Süddeutsche Zeitung und ProSieben. Fünfzehn Jahre war sie Auslandsreporterin (USA). Seit 2015 leitet sie eine Praxis für Paarmediation und Coaching in Gewaltfreier Kommunikation. Ein weiteres Romanprojekt (»Triebschnee«) ist derzeit in Überarbeitung.
»Komplimente«
»Komplimente« entwirft ein Abbild davon, wie Grenzüberschreitungen in einem sozialen Gefüge verhandelt, relativiert und neu erzählt werden – und richtet den Blick dabei nicht nur auf männliche Macht, sondern auch auf die Mechanismen, mit denen andere sie stabilisieren.
Übergriffe, Gruppendynamiken, Tod
Leseprobe
Der Roman ist in drei Teile gegliedert, »Davor«, »Darin« und »Danach«. Die Leseprobe setzt zu Beginn des zweiten, zentralen Teils ein („Darin“):
Das Erste, was ihr auffiel, war das mit den Büchern ihres Vaters. Sie befanden sich in einem verstörenden Haufen auf dem Fußboden und nicht wie am Abend zuvor noch in der Regalwand, wo ihr Vater sie nach dem letzten Bücher-Ordnen seines Lebens aufgereiht hatte. Verwirrt bückte sie sich und griff nach einem Band einer Enzyklopädie – »Meyers Konversationslexikon«, Band sieben, Gehirn bis Hainichen, was auch immer das bedeuten mochte –, der halb unter dem Sofa in einem verklumpten Staubball lag. Patty wischte über den Einband. Wie war das möglich?
Sie war alleine im Wohnzimmer, die anderen saßen schon beim Frühstück auf der Terrasse; Lachen drang durch die offene Tür ins Innere des Hauses. Es war der erste Vormittag des diesjährigen Sommertreffens der Gruppe.
Im Laufe der Jahre hatten ihre Mutter, sie selbst oder vielleicht auch mal ein Besucher das eine oder andere Buch herausgezogen, darin gelesen, und sie wusste nicht einmal, nach welchem Prinzip ihr Vater vorgegangen war und ob es einen Sinn ergeben hatte – aber die Ordnung war all die Jahre über erhalten geblieben und sie war sich des Ganzen nur halbbewusst, doch in dieser Ordnung hatte ein Trost gelegen.
Jetzt bedeckten die Bücher den Fußboden, offen, umgedreht, mit geknickten Seiten. »Die Alpen: Gestalt und Geschichte«, in dem sie als Kind oft geblättert hatte und das ihr damals wie ein leises, kaum greifbares Versprechen vorgekommen war – es war fast vorne beim Fenstersims gelandet, neben einer offenbar gebrauchten Windel von Friedchen. Wie kam die eigentlich hierher?
Manolo war der Erste, der sie durch die Fensterfront hindurch erblickte, und als er das tat, sprang er auch schon auf und stand im nächsten Moment vor ihr. »Hey, gut geschlafen?« Er lächelte schief und blickte um sich. »Ziemliches Durcheinander hier, was? Wim wollte heute Früh, als wir alle noch im Bett lagen, Ordnung ins Regal bringen, oder so was Ähnliches. Nun ja, und dann hat er plötzlich Hunger gekriegt.« Manolo nickte in Richtung Terrasse, wo Wim sich gerade ein Käsebrot in den Mund schob.
Ihr Vater hatte die Bücher allesamt geliebt, selbst die Krimis mit den billigen Pappeinbänden – Jerry Cotton –; in jedes einzelne hatte er, in seiner kleinen sauberen Schrift und mit Bleistift rechts oben auf der ersten Seite, seine Initialen notiert und das Jahr, in dem er es gelesen hatte. Manche der Bücher hatte er dreimal gelesen oder fünfmal, dann standen da drei Jahreszahlen, fünf Jahreszahlen.
Sie fühlte – ja was fühlte sie denn?
Die Bücher waren im Regal gestanden und lagen jetzt auf dem Fußboden.
Wieso hatte sie ihn wieder eingeladen? Wie hatte sie so dumm sein können? Sie überschlug im Kopf das Gespräch, das sie mit ihm geführt hatte: Konnte es sein, dass sie sich nicht klar genug ausgedrückt hatte – dass er noch immer nicht verstand, worum es ihr ging? Hätte sie mehr Beispiele nennen sollen dafür, was für sie alles nicht infrage kam?
Aber da passierte schon das Nächste: Hände legten sich von hinten auf ihre Schultern und es waren diejenigen von Wim und er wollte von ihr wissen, ob sie an die Zusatznahrung gedacht habe, an die er sie ja in seiner Sprachnachricht nochmal erinnert habe. Friedchen habe Hunger. Sie fuhr herum und da war er: groß, sehr groß, und mit grünen Augen, die tief und intensiv in den Höhlen lagen und in deren Fokus sie auf einmal festsaß. Und sie hatte noch keinen Kaffee getrunken.
Jetzt kamen auch die anderen reingeschneit von der Terrasse, Bruno, Barbara, Samantha, sogar Nele mit Friedchen in ihrem Tragetuch, und Barbara berührte mit der Hand Pattys Arm. »Sollen wir gleich alle zusammen hier aufräumen?«, fragte sie, und in ihrer Stimme lagen Sorge und Mitgefühl, genauso wie Sorge und Mitgefühl in den auf sie gerichteten Blicken von Samantha, Bruno und Manolo lagen, die sie umzingelten und all die Trauer, all die Wehmut, die sie war, ins Scheinwerferlicht rückten, und dann sagte Barbara auch noch: »Das sind die Bücher deines Vaters, oder?«, und dann und dann, noch schlimmer: »Wie geht es dir damit?«, und haargenau das alles war es, was sie nicht gebrauchen konnte, was sie als Allerletztes sogar gebrauchen konnte, schon gar nicht vor dem ersten Kaffee, Anteilnahme und Sorge und Mitgefühl.
Am liebsten hätte sie die Situation verschluckt, bevor jemand sie interpretieren konnte. Patty trat einen Schritt zurück, und was tat sie dann?
Dann lachte sie und sagte: »Kein Problem, das hat ja Zeit.«
»Na also«, sagte Wim, schlurfte in die Küche davon und steckte den Kopf in den Kühlschrank. Er war barfuß und trug zu einem schlammgrauen T-Shirt mit der Aufschrift »Enlightenment Enhanced« schon wieder seine erdbraune Badehose, die sie ja vom letzten Jahr kannte. Bruno und Manolo verschwanden wieder auf die Terrasse, wo sie ihre Sonnenbrillen aufsetzten und sich ins Gespräch vertieften. Barbara und Samantha begannen sich zu bücken, strichen sanft über Einbände und schoben die ersten Bücher mit einer Behutsamkeit ins Regal, als würden sie womöglich gleich zerfallen oder als sei das Ganze ein zeremonieller Vorgang. Patty trat von einem Bein aufs andere. Vor dem Fenster zum Garten gab Nele Friedchen die Brust – direkt unter dem Khaki-Baum, warum entfernte sie sich nicht etwas vom Haus? –, und Wim schmierte sich noch ein Brot, Tofu und irgendeine Paste, soweit sie das erkennen konnte, ohne sich um die Gläschen mit dem Gemüse-Kartoffel-Brei oder dem Getreide-Obst-Brei im oberen Schränkchen zu kümmern. So oder so waren damit die Küche und der Zugang zur Kaffeemaschine für Patty unerreichbar; sie musste warten.
Es waren die Pfeife und die Sturheit ihres Vaters gewesen, den Rauch wie bei einer Zigarette mit Lungenzügen zu inhalieren, was ihn ihr schon mit 62 Jahren entrissen hatte – es war nicht Wim gewesen. Das kapierte sie. Trotzdem: Sie hatte schon jetzt, am allerersten Tag, wieder absolut genug von ihm. Wie sollte sie die bevorstehenden sechs Nachmittage, sechs Abende, sechs Vormittage ertragen?
Und warum war sie überhaupt so blöd gewesen, gestern im Morgenverkehr eigens nach Lugano zu schippern, weil sie im dortigen Babysmilesmile-Markt neben den guten Demeter-Gläschen den »Dampfsterilisator & Flaschentrockner Turbo Pure« von Babymoov für umgerechnet 105 Euro bei Abholung vor Ort im Angebot hatten, der im Babysmilesmile-Markt im schwäbischen Wehringen, wo Nele einzukaufen pflegte, 114 Euro 99 kostete und zudem gerade ausverkauft war? Patty machte sich zur Dumm-Nuss, aber der Babymoovsche »Dampfsterilisator & Flaschentrockner Turbo Pure« bot Sterilisation und Trocknung in nur 38 Minuten, war BPA-frei und verfügte über Platz für bis zu sechs Babyflaschen samt Zubehör – und kam auch noch in Neles Lieblingsfarbe Orange daher.
Natürlich war die Sprachnachricht eine Frechheit und sie hatte schon keine Lust auf den ganzen Scheiß, als sich Wims forderndes Näseln in ihr Ohr schraubte. Aber wie das in Giraffensprache formulieren: dass sie einem jungen, finanziell eindeutig weniger privilegierten Pärchen den Wunsch abschlug, Ausgaben im Griff zu behalten, die es für sein Baby zu opfern bereit war? Ja war es nicht Friedchen selbst, dem sie den Gefallen verwehrt hätte – einem zehn Monate alten unschuldigen Geschöpf?
Und Wim die neun Euro 99 zu erstatten, das hätte sie auch schlecht vorschlagen können, es hätte arrogant gewirkt. Doch dann kostete sie das ganze Babysmilesmile-Brimborium sage und schreibe drei Stunden, während auf dem See der Wind auffrischte und sie vor dem Hereinbrechen der Truppe locker genau diese drei Stunden mit ihrem F-One und dem Neo hätte verbringen können. Überdies zeigte ihr auf dem Rückweg ein rotgesichtiger Glatzkopf den Mittelfinger, weil sie die Spur etwas überhastet gewechselt hatte, auch das ein Erlebnis, das ihr nicht gut, nicht gut tat. Wenn sie jetzt daran dachte, das Wort »Zwiemilchernährung« auch nur einmal noch zu hören – Samantha, aus dem Nichts aufgetaucht, zwickte sie in die Seite. »Hey, Wim war das sicher nicht so bewusst.« Sie zwinkerte. Schon klar, sie wollte Patty aus ihren Gedanken reißen, aber was bitteschön war Wim nicht so bewusst? Dass ihr Vater tot war? Dass die Bücher jemandem gehörten? Dass Patty ein Mensch war und Gefühle hatte?
Nein, nein und nochmal nein, Leute wie Wim schnorrten sich ihre ganze Existenz lang durchs Leben anderer und hinterließen dabei eine Spur der dreistesten Rücksichtslosigkeit, so sah es aus, bis sie schließlich in einer Tessiner Küche einer Mutter, die nicht die ihrige war, den Zugang zur Kaffeemaschine versperrten.
Patty stapfte jetzt in genau diese Küche, denn es war nämlich die Küche ihrer Mutter, und es war der Zeitpunkt gekommen, da ihr alles egal war. Sie sah nur noch Wims Rücken vor dem aufblitzenden Chrom der Maschine – dieses käsegelbe Rechteck über der braunen Badehose, er hatte das T-Shirt ausgezogen, auch das noch, und sogar ein paar Pickel mussten ihr ins Auge springen.
»Weg da«, brüllte sie, stieß ihn zur Seite, und dann, und dann packte sie mit beiden Händen den Sterilisator, der nämlich direkt neben der Kaffeemaschine stand, riss ihn über den Kopf und knallte ihn auf die Fliesen. Das Gehäuse barst, Glas splitterte, ein Regen aus Scherben; dann kroch ein weißliches Rinnsal über den Küchenboden, und kurz erklang ein Piepen, bevor es erstarb.
Wim gähnte.
Sie hatte also einen Ausbruch gehabt, und jetzt saßen sie alle zusammen auf den Sofas im Wohnzimmer, um zu besprechen, was Patty brauchte, damit es ihr besser ginge. »Vielleicht möchtest du uns mehr über deinen Vater erzählen«, sagte Barbara, doch Bruno winkte ab und gab ihr zu verstehen, dass sie die Lage nicht verstand.
Aber tatsächlich war es genau ihr Vater, der jetzt mehr als alles andere da war in ihr, und mit ihm Reue und mehr noch Schuld und noch mehr, noch mehr Scham, dieses Gefühl, das sie am meisten hasste, weil es sie sich selbst hassen ließ. Sie hatte ihn im Stich gelassen, früher, und jetzt hatte sie ihn also wieder im Stich gelassen. Im Fenster schimmerte ihr Spiegelbild, und für einen Moment war ihr, als seien die Augen, die sie ansahen, nicht ihre eigenen, sondern seine, jene ihres Vaters, den sie einst so geliebt und dann so verachtet hatte und dann, zu spät, wieder liebte. Nele hatte sich nun doch an den Gläschen zu schaffen gemacht und stopfte Friedchen einen Löffel in den Mund. Friedchen verzog das Gesicht und begann zu weinen. Samantha, eine Decke bis zum Kinn gezogen, und Manolo beobachteten die Situation und schwiegen.
Wim, der sich der Länge nach auf die Couch zum See hingefläzt hatte, setzte sich auf, lehnte sich vor, jetzt bei der Sache, ganz der empathische Coach. »Patty, kannst du mal versuchen, das in Giraffensprache zu formulieren, was du uns eben gezeigt hast?«
»Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis, Bitte, oder?«, sagte Barbara. Bruno nickte. Neben jenen ihres Vaters klebten zwölf weitere Augen an Patty, als wäre sie ein Unfall. Außerdem war ihr nur noch der mitten im Raum stehende Sessel gegenüber der großen Fensterfront geblieben, weil sie als Letzte hinzugekommen war – ein Platz in greller Helligkeit, den Blick auf Gesichter, die teilweise im Gegenlicht verschwammen. Das war nicht das, was sie sich für diesen Vormittag, mit dieser golden im See glänzenden Sonne draußen, ausgemalt hatte, weder beim Bettenbeziehen, als sie auf jedes der Kopfkissen ein Schokolädchen in Form des Matterhorns gebettet hatte, noch beim Volltanken des Bootes, als sie die ganze Truppe abwechselnd auf der Speedbanane oder den Wasserski vor sich sah, fröhlich, freundlich, dankbar statt sie anglotzend. Wenigstens Friedchen interessierte sich nicht die Bohne für die Szenerie, sondern fixierte den Löffel und ballte die Fäuste.
Nein, Patty konnte die Frage nicht in den vier Schritten beantworten, und sie wollte es auch gar nicht. »Ich kann einfach nicht glauben, dass ich unbedingt diesen Sterilisator besorgen musste. Ich habe dir geschrieben, dass ich keine Zeit habe, Wim, aber du musstest ja wieder und wieder Druck machen.« Sie hörte das Selbstmitleid in ihrem Ton, Wolfssprache, und sie hatte die Stimme nicht erheben wollen, Wolfssprache, und jetzt konnte sie die Blicke nicht deuten. War das ein Stirnrunzeln bei Manolo, und verdrehte Samantha etwa sogar die Augen?
Patty wollte nur etwas, dessen Kernstück Frieden war.
Alle schwiegen. Der Vormittag atmete ein, atmete aus.
»Ja, tut mir leid, wenn das für dich so ein Ding war«, sagte Wim schließlich, »aber weißt du, eigentlich ist es ja ein Kompliment, wenn ich ein Nein nicht gleich hinnehme. Es bedeutet, dass ich dir zutraue, es zu bekräftigen und zu dir zu stehen.« Er wischte sich mit dem Ärmel die Nase ab.
Samantha wechselte mit ihrer Decke zu ihm aufs Sofa und die beiden begannen Knie an Knie zu tuscheln.
Patty brauchte einen Moment, um ihre Verwirrung wegzustecken. »Ach so, dann danke ich dir«, sagte sie. Lachen vom Sofa von Wim und Samantha, deren silberne Silhouetten um etwas rangen, ein Stück Orangenschalen-Schokolade, oder was war das – Brot?, und Wim wirkte nun wie ein verspielter Junge oder jedenfalls jemand, der alle Gedanken an Verantwortlichkeit sinnlos machte.
Es war nicht nur ihr Vater, der da war; auch ihre Mutter saß auf einem der Sessel, und vor allem, vor allem war es ihr Bruder, der das Wohnzimmer flutete, ihr Bruder, dessen Namen sie niemals, niemals mehr denken würde. Sie wusste nicht wie, aber er hatte etwas mit Wim und ihr und ihrem Gefühl für sich selbst zu tun. Doch alles war so kompliziert, wie Päckchen, die sich in Päckchen versteckten, die sich in Päckchen versteckten.
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